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Triceratops horridus

Triceratops horridus

Der häufigste Dinosaurier der spätesten Kreide – mit dem größten Schädel aller Landtiere und Zähnen, die komplexer gebaut sind als die jedes Säugetiers.

Im Frühling 1887 fand der Lehrer und Geologe George Lyman Cannon bei Green Mountain Creek, westlich von Denver, ein Paar gewaltiger Hörner mit Schädeldach – 600 mm hoch und 160 mm im Durchmesser. Der Geologe Whitman Cross schickte die Funde an O.C. Marsh in Yale, der sie prompt als Hörner eines riesigen Bisons identifizierte: „Bison alticornis – eines der größten amerikanischen Boviden." Cannon selbst war skeptisch: Im selben Gestein hatte er Dinosaurierknochen gefunden. Zwei Jahre später, nachdem Cowboy Edmund Wilson in Wyoming einen vollständigen Schädel mit drei Hörnern entdeckt hatte und John Bell Hatcher ihn für Marsh barg, korrigierte Marsh seinen Irrtum und errichtete die Gattung Triceratops – „Dreihorn-Gesicht". Es war der Beginn einer Forschungsgeschichte, die bis heute andauert und die mit über 50 stratigraphisch erfassten Schädeln eine der dichtesten Datensätze der gesamten Paläontologie hervorgebracht hat.

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Körperlänge
Big John montiert: 7,15 m; geschätzt ~8 m in vivo
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Körpermasse
Paul (2016); Spanne 5–12 t je nach Methode und Individuum
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Größter Schädel (Big John)
Basale Schädellänge 155 cm; 5–10% größer als jedes andere Exemplar
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Zahnanzahl
36–40 Kolumnen × 3–5 Zähne pro Seite; ständiger Zahnwechsel
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Erdzeitalter
Spätes Maastrichtium; ausgestorben beim K-Pg-Ereignis
ANATOMIE

Die Architektur eines Jägers

Triceratops besaß einen der extremsten Schädel im gesamten Tierreich: bis zu einem Drittel der Körperlänge, bewehrt mit drei Hörnern und einem massiven Knochenschild. Doch nicht nur der Schädel war bemerkenswert – die Zahnbatterien dieses Pflanzenfressers übertrafen an Komplexität sogar die der Säugetiere.

Schädel und Nackenschild

Der Schädel von Triceratops gehört zu den größten aller Landtiere. Das Exemplar MWC 7584 misst geschätzt 2,5 Meter, und „Big John" – der größte bekannte Triceratops – erreicht mit seinem rekonstruierten Gesamtschädel 2,62 Meter bei einer basalen Schädellänge von 155 cm und einer Breite von 2 Metern; das sind 5–10% mehr als jeder andere bekannte Triceratops-Schädel. Das massive Nackenschild (Frill) aus Parietal- und Squamosalknochen konnte bis zu 2 Meter breit werden und war randständig mit 19–26 kleinen Knochenhöckern (Epoccipitale) besetzt. Bemerkenswert ist, dass das Schild im Gegensatz zu den meisten anderen Chasmosaurinen keine Fenestrae (Fenster) aufwies – es war komplett massiv. Die gesamte Schädeloberfläche war von Furchen für Blutgefäße durchzogen, was auf einen Keratinüberzug hindeutet, der in der Lebenszeit möglicherweise farbig war – vergleichbar mit den Keratinstrukturen moderner Vögel. Die zwei Überaugenhörner maßen je rund 1 Meter Knochenkern (bei Big John 1,1 Meter), waren von einer Keratinscheide umhüllt und damit in der Lebenszeit noch länger. Das kürzere Nasenhorn hatte einen Knochenkern von 30–45 cm. Die Ontogenie der Hörner ist gut dokumentiert (Horner & Goodwin, 2006): Bei Jungtieren zeigten die Überaugenhörner nach hinten, bei Subadulten standen sie gerade, und bei Adulten bogen sie sich nach vorne – ein Prozess, der sich über die gesamte Wachstumsperiode erstreckte.

Zahnbatterien: Komplexer als bei Säugetieren

Triceratops besaß 432 bis 800 Zähne (je nach Zählmethode und Individuum), angeordnet in dicht gepackten Zahnbatterien: 36–40 Zahnkolumnen pro Kieferseite mit je 3–5 übereinander gestapelten Zähnen. Nur ein Bruchteil war gleichzeitig in Funktion; abgenutzte Zähne wurden kontinuierlich abgestoßen und durch darunterliegende Ersatzzähne ersetzt. Erickson et al. (2015) zeigten in Science Advances, dass jeder einzelne Triceratops-Zahn fünf verschiedene Gewebearten enthielt: Zahnschmelz, Manteldentin, Vasodentin, koronales Zement und normales Dentin. Das ist einmalig unter Reptilien (die sonst nur zwei Gewebearten aufweisen) und übertrifft sogar die Säugetiere (vier Gewebearten). Diese Komplexität erzeugte durch differenziellen Abrieb selbstschärfende Schneidkanten und rinnenförmige Vertiefungen („Fuller"), die die Reibung beim Schneiden reduzierten – ein biomechanisches Prinzip, das auch bei Klingen und Scheren Anwendung findet. Vorne im Maul saß kein Zahn, sondern ein kräftiger, papageienähnlicher Hornschnabel (Rhamphotheca) zum Abschneiden von Pflanzen.

Kiefermechanik

Ostrom (1966) analysierte die Kieferbiomechanik der Ceratopsier und erkannte, dass der Unterkiefer von Triceratops als Zweiter-Klasse-Hebel funktioniert – die Beißkraft wird zwischen Drehpunkt (Kiefergelenk) und Last (Schneidpunkt) appliziert. Dieses Prinzip ist unter Reptilien einzigartig und erinnert an manche Säugetier-Kiefer. Der hohe Kronoidfortsatz ermöglichte enorme mechanische Vorteile beim Schneiden harter Pflanzen. Ein exakter Newton-Wert für die Beißkraft ist allerdings nicht publiziert – die mechanische Analyse ist gut etabliert, aber absolute Kraftschätzungen divergieren in Sekundärquellen erheblich (von ~10.000 bis ~44.000 N). Sicher ist, dass Triceratops eine für einen Pflanzenfresser außergewöhnlich hohe relative Beißkraft besaß.

Körperbau und Fortbewegung

Triceratops war mit 8–9 Metern Länge und einer geschätzten Körpermasse von rund 9 Tonnen (Paul, 2016; Spanne in der Literatur: 5–12 t) eines der schwersten Landtiere der späten Kreidezeit. Die Hüfthöhe lag bei 2,7–3,0 Metern. Die Vorderbeine waren kürzer als die Hinterbeine und standen in semi-aufrechter Haltung – ähnlich einem Nashorn, nicht voll aufrecht wie bei einem Elefanten. Die geschätzte Höchstgeschwindigkeit liegt bei 20–25 km/h (Thulborn, 1982), wobei manche Rekonstruktionen bis 32 km/h reichen (Paul & Christiansen, 2000). Der Schwanz war kräftig, aber unbewaffnet und diente dem Gegengewicht.

Größenvergleich

Mensch
Afrikanischer Elefant
Triceratops
BIOLOGIE

Lebenszyklus und Verhalten

Hornkampf: Statistisch belegt

Farke, Wolff & Tanke (2009) untersuchten über 400 Schädelknochen von Triceratops und dem verwandten Centrosaurus. Ihr Befund: Triceratops weist zehnmal mehr Verletzungen am Squamosal (dem unteren Nackenschildknochen) auf als Centrosaurus (P = 0,002). Krankheitserreger, Raubfeindangriffe und postmortale Beschädigung wurden als alternative Erklärungen ausgeschlossen. Die Schlussfolgerung: Triceratops nutzte die Überaugenhörner im intraspezifischen Kampf, und das Nackenschild diente als Schutzschild.

Eine eindrucksvolle Bestätigung lieferte D'Anastasio et al. (2022) mit der Untersuchung von „Big John" – dem größten bekannten Triceratops-Exemplar (entdeckt 2014 von Walter W. Stein bei Mud Butte, South Dakota; 2021 bei Sotheby's Paris für 6,6 Mio. Euro versteigert). Big Johns Squamosal zeigt eine schlüssellochförmige Kampfwunde von 18 × 24 cm mit Anzeichen von Knochenumbau und Infektion – verursacht wahrscheinlich durch das Horn eines rivalisierenden Triceratops.

Gegen T. rex setzte Triceratops vermutlich auf Frontalverteidigung. Fossile Belege umfassen geheilte T.-rex-Bissmarken auf Triceratops-Hörnern und das 2006 in Montana entdeckte „Dueling Dinosaurs"-Fossil – ein Triceratops und ein T. rex, die offenbar im Kampf starben und gemeinsam begraben wurden. Das Fossil wird seit 2020 am North Carolina Museum of Natural Sciences erforscht.

Ontogenie und Wachstum

Horner & Goodwin (2006) definierten vier ontogenetische Stadien anhand der Hornentwicklung und Schädeloberfläche: Baby (kleinster bekannter Schädel: 38 cm) → Juvenil → Subadult → Adult. Die Überaugenhörner orientieren sich im Laufe des Wachstums von rückwärts nach vorwärts um, und die Epoccipitale werden im Alter flacher.

Die 2023 in Cretaceous Research publizierte umfassende Knochenhistologie zeigt, dass Triceratops langsamer wuchs als viele andere Großdinosaurier vergleichbarer Größe. Das Knochengewebe ist parallel-faserig bis weben-parallel – im Gegensatz zum rein fibrollamellären Gewebe schnell wachsender Theropoden und Sauropoden. Drei histologische ontogenetische Stadien (HOS) wurden definiert: Subadult → Adult I (geschlechtsreif, noch wachsend) → Adult II (Wachstum abgeschlossen). Eine robuste Lebensspanne lässt sich aus den vorhandenen Daten nicht ableiten.

Sozialverhalten und Ökologie

Triceratops war mit einem Anteil von 40% aller Dinosaurierfunde (72 von 180 Exemplaren in einer Stichprobe) der mit Abstand häufigste Dinosaurier der Hell Creek Formation. Diese Häufigkeit deutet auf sehr große Populationen hin. Einzelne Bonebeds mit mehreren Individuen existieren, und Fossilien von Baby- bis Adult-Stadien wurden in denselben Schichten gefunden.

Ob Triceratops in organisierten Herden lebte, ist allerdings weniger gut belegt als bei den zentrosaurinen Ceratopsiern, für die massive Bonebeds mit Hunderten von Individuen dokumentiert sind. Der mögliche Sexualdimorphismus und die Hornkampf-Evidenz sprechen zumindest für ein komplexes Sozialverhalten.

Der Lebensraum umfasste die subtropischen bis warm-temperierten Küstenebenen und Flussauen des westlichen Nordamerikas in den letzten 2 Millionen Jahren der Kreidezeit. Der Western Interior Seaway zog sich zurück und hinterließ üppig bewachsene Ebenen. Zu Triceratops' Zeitgenossen zählten T. rex, Edmontosaurus, Ankylosaurus, Pachycephalosaurus und Dakotaraptor.

Verbreitung und Fundorte

44 bekannte Fundorte von Triceratops-Fossilien weltweit.

Fundort

44 Fundorte in 3 Ländern

USA35
Unbekannt6
Kanada3
GESCHICHTE

Die Entdeckung

-68

Triceratops erscheint

Die ältesten Triceratops-Fossilien stammen aus dem späten Maastrichtium (~68 Mya) der Hell Creek und Lance Formationen. T. horridus kommt in den älteren Schichten vor, T. prorsus in den jüngeren – ein Hinweis auf Anagenese innerhalb der Linie (Scannella & Fowler, 2014).

-66

Massenaussterben

Das K-Pg-Massenaussterben (~66 Mya) beendete die Ära der nicht-avianen Dinosaurier. Triceratops gehört zu den letzten Gattungen, die in den obersten Schichten der Hell Creek Formation nachgewiesen sind – ein Beleg dafür, dass die Ceratopsier bis zum Einschlagsereignis überlebten.

1887

Erstfund (als 'Bison')

George Lyman Cannon fand 1887 bei Green Mountain Creek, westlich von Denver, ein Paar Hörner mit Schädeldach – 600 mm hoch und 160 mm im Durchmesser. Whitman Cross übermittelte sie an O.C. Marsh, der sie als Bison alticornis identifizierte – Cannon selbst war skeptisch, da im selben Gestein Dinosaurierknochen lagen.

1889

Gattung Triceratops

Nachdem Edmund Wilson 1888 in Wyoming einen vollständigen Schädel entdeckt und John Bell Hatcher ihn für Marsh geborgen hatte, errichtete Marsh 1889 die Gattung Triceratops. Die zuvor als Bison alticornis beschriebenen Hörner wurden korrekt als ceratopsid identifiziert.

2006

Dueling Dinosaurs

In Montana wurde 2006 das „Dueling Dinosaurs"-Fossil entdeckt – ein assoziierter Triceratops und Tyrannosaurus rex, die möglicherweise im Kampf verendeten und gemeinsam begraben wurden. Nach einem langwierigen Rechtsstreit um die Eigentumsrechte gelangte das Fossil 2020 ans North Carolina Museum of Natural Sciences, wo es seitdem erforscht wird.

2010

Torosaurus-Debatte

Scannella & Horner (2010) argumentierten, Torosaurus sei ein Adultstadium von Triceratops – das Nackenschild verdünne sich im Alter und bilde die typischen Fenestrae. Die Hypothese fand breite mediale Resonanz, wird aber von der Mehrheit der aktuellen Studien abgelehnt: Longrich & Field (2012) zeigten inkonsistente Reifestadien, und Mallon et al. (2022) beschrieben subadulte, noch wachsende Torosaurus-Exemplare.

2015

5-Gewebe-Zähne

Erickson et al. (2015) publizierten in Science Advances die Entdeckung, dass Triceratops-Zähne fünf verschiedene Gewebearten enthalten (Zahnschmelz, Manteldentin, Vasodentin, koronales Zement, normales Dentin) – ein Rekord unter Reptilien (sonst 2 Gewebearten) und sogar Säugetieren (4 Gewebearten). Der differentielle Abrieb erzeugte selbstschärfende Schneidkanten.

2021

Big John versteigert

Das 2014 von Walter W. Stein bei Mud Butte, South Dakota, entdeckte Exemplar „Big John" wurde 2021 bei Sotheby's Paris für 6,6 Mio. Euro versteigert. D'Anastasio et al. (2022) publizierten die Untersuchung der schlüssellochförmigen Kampfwunde (18 × 24 cm) am Squamosal mit Anzeichen von Knochenumbau und Infektion – verursacht wahrscheinlich durch ein rivalisierendes Triceratops-Horn.

KONTEXT

Die Torosaurus-Debatte und aktuelle Taxonomie

Die Frage, ob Torosaurus ein eigenständiges Genus oder nur ein ausgewachsener Triceratops ist, beschäftigt die Paläontologie seit 2010. Scannella & Horner (2010) argumentierten, dass Torosaurus mit seinem gefensterten Nackenschild das Adultstadium von Triceratops darstelle – das Schild verdünne sich im Alter und bilde die typischen Fenestrae. Die Hypothese wurde durch histologische Daten (stärkerer Knochenumbau bei Torosaurus) gestützt.

Die Mehrheit der aktuellen Studien lehnt diese Synonymie allerdings ab. Longrich & Field (2012) zeigten, dass Torosaurus-Schädel nicht konsistent reifer sind als Triceratops-Schädel. Mallon et al. (2022) beschrieben subadulte Torosaurus-Exemplare aus Kanada, deren Knochenhistologie zeigt, dass sie noch wuchsen – ein starkes Argument für die Eigenständigkeit der Gattung. Die Debatte ist jedoch nicht vollständig abgeschlossen: Bislang wurde nur ein Torosaurus-Nackenschild histologisch beprobt.

Taxonomisch werden heute zwei gültige Triceratops-Arten anerkannt (Forster, 1996): T. horridus (Typusart) und T. prorsus, die sich in Schädelproportionen und Nasenhornform unterscheiden. Scannella & Fowler (2014) zeigten anhand von über 50 stratigraphisch zuordenbaren Schädeln, dass T. horridus in den älteren und T. prorsus in den jüngeren Schichten der Hell Creek Formation vorkommt – ein Hinweis auf Anagenese, also Evolution innerhalb einer Linie.