
Edmontosaurus
Sechs Mumien, über tausend Zähne und ein Verbreitungsgebiet vom Polarkreis bis Colorado – der Hadrosaurier, der unser Bild von Dinosauriern immer wieder umschreibt.
Kaum ein Dinosaurier hat so viele Überraschungen geliefert wie Edmontosaurus. 2014 enthüllte eine Mumie einen fleischigen Hahnenkamm, der am Knochen völlig unsichtbar ist. 2025 zeigten zwei weitere Mumien Hufe, Rückenstacheln und winzige Körperschuppen. Und 2026 wurde ein Schädel veröffentlicht, in dem noch ein Tyrannosaurus-Zahn steckt. Jede neue Entdeckung verändert das Bild, das wir uns von diesem Tier machen – und damit von Dinosauriern insgesamt.
Die Architektur eines Jägers
Edmontosaurus umfasst zwei zeitlich getrennte Arten: E. regalis (Horseshoe Canyon Formation, Alberta, ~73–72 Ma; Erstbeschreibung Lambe 1917, The Ottawa Naturalist 31(7): 65–73) und E. annectens (Hell Creek/Lance Formation, ~68–66 Ma; ursprünglich als Claosaurus annectens durch Marsh 1892, American Journal of Science 43: 449–453). Campione und Evans (2011, PLoS ONE 6(9): e25186) bereinigten die verworrene Taxonomie und wiesen nach, dass Anatosaurus und Anatotitan Synonyme von E. annectens sind. Mit typischen 12 Metern Länge und rund 5,6 Tonnen Gewicht gehört Edmontosaurus zu den größten Hadrosauriern.
Die Zahnbatterie – das komplexeste Gebiss aller Wirbeltiere
LeBlanc et al. (2016, BMC Evolutionary Biology 16: 152) zeigten, dass Hadrosaurier-Zahnbatterien sechs verschiedene Gewebetypen enthielten – zwei mehr als bei Säugetieren. Parodontal-Ligamente hielten die einzelnen Zähne zusammen, flexibel genug für individuelle Zahnbewegung, aber fest genug, um als „Super-Zahn" zu funktionieren. Bramble et al. (2017, Scientific Reports 7: 15787) bestätigten den dynamischen Förderbandmechanismus histologisch. Insgesamt besaß Edmontosaurus über 1.000 Zähne: etwa 60 Zahnfamilien pro Dentale, jede mit 3–5 Ersatzzähnen, das ergibt rund 300 Zähne pro Unterkieferseite. Die Zahnbatterien arbeiteten als scherender und mahlender Mechanismus gleichzeitig.
Weichgewebe – die Revolution der 2010er und 2020er Jahre
Bell, Fanti, Currie und Arbour (2014, Current Biology 24: 70–75) beschrieben eine mumifizierte E. regalis aus der Wapiti Formation mit einem dreidimensional erhaltenen fleischigen Kopfkamm – circa 20 cm hoch und 30 cm lang, vergleichbar mit dem Kamm eines Hahns oder Kondors. Am Knochen ist diese Struktur völlig unsichtbar. Die Implikation: Ähnliche Weichgewebsstrukturen könnten bei vielen anderen Dinosauriern existiert haben, ohne je fossilisiert worden zu sein. Sereno et al. (2025, Science, DOI: 10.1126/science.adw3536) beschrieben zwei weitere E. annectens-Mumien aus der Lance Formation in Wyoming („Ed Jr." und „Ed Sr.") und enthüllten eine durchgehende Mittellinienstruktur: ein fleischiger Kamm über Hals und Rumpf, der in einzelne Stacheln über Hüfte und Schwanz übergeht – jeder Stachel über einem einzelnen Wirbel positioniert. An den Hinterfüßen fanden sie Keratinkappen: die ältesten bekannten Hufe eines Landwirbeltiers. Die Ganzkörperschuppen waren überraschend winzig (1–4 mm) für ein über 12 Meter langes Tier.
Mumifizierung – zwei komplementäre Modelle
Mindestens sechs Edmontosaurus-Mumien sind bekannt, darunter AMNH 5060 (Sternberg 1908), SMF R 4036 (Sternberg 1910, Senckenberg), „Dakota" (North Dakota, 1999) sowie „Ed Jr." und „Ed Sr." (Wyoming). Für ihre Erhaltung werden zwei Mechanismen diskutiert. Sereno et al. (2025) schlugen „Clay Templating" vor: Mikrobielle Biofilme erzeugen eine weniger als 1 mm dünne Ton-Schablone auf der Kadaveroberfläche. Der Vier-Stufen-Prozess umfasst Austrocknung, schnelle Überflutung, Sedimentfüllung und Ton-Templating durch Mikroben. Die „Haut" der Mumien ist demnach kein konserviertes organisches Gewebe, sondern ein mineralischer Abdruck. Drumheller-Horton et al. (2022, PLOS ONE) zeigten an der „Dakota"-Mumie, dass partieller Aasfraß die Erhaltung paradoxerweise fördert: Biss- und Krallenspuren in der Haut ließen Gase und Flüssigkeiten entweichen, wodurch die zähe Haut austrocknen konnte, bevor sie eingebettet wurde – kein „außergewöhnlich schnelles Begräbnis" nötig. Beide Modelle schließen sich nicht gegenseitig aus und könnten verschiedene Stadien desselben Prozesses beschreiben.
Größenvergleich
Lebenszyklus und Verhalten
Ökologie und Ernährung
Edmontosaurus war einer der häufigsten Dinosaurier der späten Kreidezeit. In der Hell Creek Formation macht er etwa 20 % aller Dinosaurierfossilien aus, nach Triceratops (~40 %) und Tyrannosaurus (~24 %; Horner, Goodwin & Myhrvold 2011, PLoS ONE 6: e16574). Mallon (2019, Scientific Reports 9: 15447) wies nach, dass Hadrosaurier in der Dinosaur Park Formation als Hochbrowser bis 5 m Höhe fraßen, ökologisch distinkt von Ceratopsiern (~1 m) und Ankylosauren (bodennah).
Die Senckenberg-Mumie (SMF R 4036) lieferte 1922 den frühesten Mageninhalt-Nachweis: Der Paläobotaniker Kräusel identifizierte Koniferen-Zweige und -Nadeln. Der Holotyp AMNH 5240 der verwandten Gattung Corythosaurus bestätigte ähnliche Nahrung. Die breite, spatelförmige Schnauze war für nicht-selektives Abweiden optimiert, die Zahnbatterien für das Zerkleinern harter Pflanzenfasern.
Vom Polarkreis bis Colorado
Edmontosaurus besaß das breiteste Latitudinalareal aller Hadrosaurier: von der Denver Formation in Colorado (~41° N) bis zur Prince Creek Formation am North Slope Alaskas (~70° N). Die arktischen Populationen sind besonders bemerkenswert: 2015 als eigene Gattung Ugrunaaluk kuukpikensis beschrieben, stellten Takasaki et al. (2020, PLOS ONE 15: e0232410) sie anhand adulter Morphologie wieder zu Edmontosaurus sp. – die diagnostischen Merkmale von Ugrunaaluk basierten auf unreifen Exemplaren und waren ontogenetisch bedingt.
Knochenhistologische Untersuchungen der arktischen Exemplare zeigten keine extremen saisonalen Wachstumsunterbrechungen – ein Argument gegen saisonale Migration und für Überwinterung in der Arktis. Wie ein 5-Tonnen-Pflanzenfresser die monatelange Polarnacht und die damit einhergehende Nahrungsknappheit überstand, bleibt eine offene Frage.
Wachstum und Sozialverhalten
Vanderven, Burns und Currie (2014, Canadian Journal of Earth Sciences, DOI: 10.1139/cjes-2014-0064) analysierten per Knochenhistologie Exemplare aus dem Danek Bonebed in Edmonton und fanden, dass E. regalis somatische Reife bei 10–15 Jahren erreichte. Auffällig: Selbst in den größten Exemplaren fehlte ein External Fundamental System (EFS) – keines der untersuchten Tiere hatte vollständig aufgehört zu wachsen. Das maximale Alter bleibt daher unbekannt.
Monodominante Bonebeds mit hunderten bis tausenden Individuen (Ruth Mason Quarry, Danek Bonebed, Bleriot Ferry) belegen Herdenverhalten. Die Herden umfassten verschiedene Altersstadien, wobei Juvenile systematisch unterrepräsentiert sind – ein möglicher Hinweis auf Alterssegregation. Der fleischige Kopfkamm von E. regalis impliziert visuell orientierte soziale Kommunikation und vermutlich sexuelle Selektion.
Verbreitung und Fundorte
14 bekannte Fundorte von Edmontosaurus-Fossilien weltweit.
14 Fundorte in 3 Ländern
Die Entdeckung
Erste Dinosaurier-Mumie
Charles H. Sternberg entdeckt in Wyoming das Exemplar AMNH 5060 – eine nahezu vollständige Edmontosaurus-Mumie mit extensiven Hautabdrücken. Es ist die erste bekannte Dinosaurier-Mumie.
Lambe benennt E. regalis
Lawrence M. Lambe beschreibt den Holotyp NMC 2288 als Edmontosaurus regalis (The Ottawa Naturalist 31(7): 65–73). Der Gattungsname verweist auf die Edmonton-Schichten (heute Horseshoe Canyon Formation) in Alberta.
Taxonomie bereinigt
Campione und Evans (PLoS ONE 6(9): e25186) bereinigen die verworrene Taxonomie: Anatosaurus und Anatotitan werden als Synonyme von E. annectens eingestuft. Die Gattung umfasst fortan nur noch E. regalis und E. annectens.
Fleischiger Hahnenkamm
Bell, Fanti, Currie und Arbour (Current Biology 24: 70–75) beschreiben eine mumifizierte E. regalis aus der Wapiti Formation mit dreidimensional erhaltenem fleischigem Kopfkamm (~20 cm hoch, ~30 cm lang). Die Struktur ist am Knochen unsichtbar – ein Weckruf für die Paläontologie.
Ugrunaaluk wird Edmontosaurus
Takasaki et al. (PLOS ONE 15: e0232410) stellen die 2015 als Ugrunaaluk kuukpikensis beschriebenen arktischen Exemplare wieder zu Edmontosaurus sp. – die diagnostischen Merkmale waren ontogenetisch bedingt.
Hufe, Stacheln und Mumien-Geheimnis
Sereno et al. (Science, DOI: 10.1126/science.adw3536) beschreiben Ed Jr. und Ed Sr. aus der Lance Formation: Keratinhufe (älteste Landwirbeltier-Hufe), Mittellinien-Kamm und -Stacheln, Körperschuppen von nur 1–4 mm. Für die Mumifizierung wird „Clay Templating" vorgeschlagen: mikrobielle Biofilme erzeugen eine <1 mm dünne Ton-Schablone.
T.-rex-Zahn im Schädel
Wyenberg-Henzler und Scannella (PeerJ 14: e20796) beschreiben MOR 1627, einen E. annectens-Schädel mit eingebetteter Tyrannosaurus-Zahnkrone im Nasale. 23 mögliche Bissspuren (9 links, 14 rechts) dokumentieren eine direkte Räuber-Beute-Begegnung – oder Aasfraß.
6 Zahngewebetypen entdeckt
LeBlanc et al. (BMC Evolutionary Biology 16: 152) weisen sechs Zahngewebetypen nach – zwei mehr als bei Säugetieren. Parodontal-Ligamente ermöglichten individuelle Zahnbewegung innerhalb der Batterie. Bramble et al. (2017, Scientific Reports 7: 15787) bestätigen den Förderbandmechanismus histologisch.
T. rex trifft Edmontosaurus
Wyenberg-Henzler und Scannella (2026, PeerJ 14: e20796) beschrieben einen E. annectens-Schädel (MOR 1627) aus der Hell Creek Formation, in dem eine Tyrannosaurus-Zahnkrone im Nasale eingebettet ist. 23 mögliche Bissspuren am Schädel (9 links, 14 rechts) dokumentieren eine direkte Räuber-Beute-Begegnung – oder Aasfraß. Da keine Knochenheilung erkennbar ist, erfolgte der Biss peri- oder postmortem.
War Edmontosaurus dennoch fähig, Tyrannosaurus zu entkommen? Sellers et al. (2009) simulierten die Laufgeschwindigkeit eines subadulten E. annectens (715 kg, BHI 126950) per evolutionärer Robotik: bipedales Laufen bei etwa 50 km/h, Galopp bei circa 57 km/h. Für Tyrannosaurus werden niedrigere Werte angenommen (~20–30 km/h). Allerdings basieren die Edmontosaurus-Schätzungen auf einem jungen Tier – ob 5-Tonnen-Adulte ähnliche Geschwindigkeiten erreichten, ist fraglich. Die Simulation bleibt eine Annäherung mit erheblichen Unsicherheiten.
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