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Corythosaurus

Corythosaurus

Hautabdrücke, Mageninhalt und ein Resonanzkamm – kaum ein Dinosaurier liefert so viele Einblicke in die Biologie einer ausgestorbenen Art.

Als Barnum Brown 1911 am Red Deer River in Alberta ein nahezu vollständiges Skelett freilegte, fand er nicht nur Knochen: Der Holotyp AMNH 5240 konservierte umfangreiche Hautabdrücke mit verschiedenen Schuppentypen, einen vollständig erhaltenen Schädelkamm – und fossilisierten Mageninhalt mit Koniferennadeln, Samen und Früchten. Es ist eines der informativsten Dinosaurierfossilien überhaupt, und es machte Corythosaurus casuarius zu einem Schlüsseltaxon für das Verständnis der Hadrosaurier-Biologie.

Corythosaurus Skelett
Corythosaurus Skelett – Museum
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Körperlänge
Holotyp AMNH 5240: 8,1 m; größere Exemplare bis ~9 m (Benson et al. 2012)
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Gewicht
AMNH 5240 ~3,08 t; Paul 2016: 2,8 t; Spannbreite methodenabhängig
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Kopfhöhe inkl. Kamm
Schädel plus Helmkamm; Kamm enthält verschlungene Nasengänge
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Zeitliche Einordnung
Campanium, Obere Kreide; Dinosaur Park Formation, Alberta
ANATOMIE

Die Architektur eines Jägers

Brown beschrieb die neue Gattung und Art 1914 (Bulletin of the American Museum of Natural History 33(35): 559–564). Der Gattungsname verweist auf den korinthischen Helm, der Artname casuarius auf den Kasuar, dessen Kopfkamm eine konvergente Ähnlichkeit aufweist. Das Skelett fehlt nur am letzten Schwanzsegment und Teilen der Vorderextremitäten. Heute ist Corythosaurus das häufigste Hadrosaurid der Dinosaur Park Formation – mit über 25 relativ vollständigen Schädeln und Skeletten.

Der Helmkamm – Anatomie und Akustik

Der hohle Knochenkamm auf dem Schädeldach erreichte eine Gesamthöhe von 70,8 cm (Schädel plus Kamm) und enthielt ein komplexes System verlängerter Nasengänge. Dudgeon, Brown und Evans (2026, Anatomical Record, DOI: 10.1002/ar.70125) beschrieben erstmals mittels CT die interne Anatomie adulter Exemplare: Die S-Loops der Nasenvestibüle verlaufen bei Corythosaurus von lateral nach medial innerhalb der Prämaxilla – entgegengesetzt zur Krümmung bei Hypacrosaurus. Große, gelappte Lateral-Divertikel mit kurzen anterioren und ausgeprägten posterioren Fortsätzen bilden zusätzliche Kammern. Zwischen C. casuarius und C. intermedius fanden die Autoren minimale interspezifische Variation. Weishampel (1981, Paleobiology 7(2): 252–261) modellierte die Resonanzfähigkeit und berechnete Frequenzen deutlich unter 1.000 Hz – vergleichbar mit einem Nebelhorn oder Krummhorn. Die Lateral-Divertikel könnten dabei als frequenzselektive Filter gewirkt haben, die bestimmte Frequenzen dämpften und andere verstärkten. Evans, Ridgely und Witmer (2009, Anatomical Record 292: 1315–1337) bestätigten per CT-Endocast, dass die verlängerte Cochlea (Innenohr) auf Niedrigfrequenzen spezialisiert war. Die olfaktorischen Bulbi waren plesiomorph klein – Geruch spielte keine kausale Rolle bei der Kamm-Evolution. Das relativ große Cerebrum (39–43 % des Endocast-Volumens) ist konsistent mit komplexem Sozialverhalten und aktiver Nutzung des Kamms zur Fernkommunikation.

Hautabdrücke und Weichgewebe

Die umfangreichen Hautabdrücke des Holotyps und weiterer Exemplare machen Corythosaurus zu einem der am besten dokumentierten Dinosaurier hinsichtlich des äußeren Erscheinungsbildes. Bell (2012, PLoS ONE 7(2): e31295) standardisierte die Terminologie: „Basement-Schuppen" (polygonales Grundmosaik, größenvariabel je nach Körperregion), „Feature-Schuppen" (größere, sporadische Schuppen, z.B. domförmig am Unterschenkel) und „Cluster Areas" (Gruppen gleichgroßer Schuppen). An der Bauchseite und am Schienbein fanden sich kegelförmige „Napfschnecken"-Schuppen. Joubarne, Therrien und Zelenitsky (2023) beschrieben zudem Schuppenstreifen am Torso, die möglicherweise Farbmuster im Leben widerspiegelten, sowie die Bestätigung, dass die Finger II–IV in einer gemeinsamen fleischigen Struktur verschmolzen waren.

Bezahnung und Ernährung

Hinter dem zahnlosen Schnabel (Rostrale) saßen hunderte kleine Zähne in kompakten Zahnbatterien mit kontinuierlichem Ersatz. Jeder Zahn besaß zwei Wurzeln – typisch für Ceratopsier und Hadrosaurier. Die Zahnbatterien arbeiteten als vertikale Schneidklingen, ergänzt durch eine Mahlkomponente. Mikro-Abnutzungsmuster zeigten kratz-dominierte Signaturen, die auf Faserverarbeitung hinweisen. Der fossilisierte Mageninhalt des Holotyps – Koniferennadeln, Samen, Zweige und Früchte – ist einer der seltensten direkten Ernährungsnachweise bei Dinosauriern. Mallon (2019, Scientific Reports 9: 15447) zeigte, dass Hadrosaurier (einschließlich Corythosaurus) in der Dinosaur Park Formation als Hochbrowser bis 5 m Höhe fraßen, ökologisch distinkt von Ceratopsiern (bis ~1 m) und Ankylosauren (bodennahe Vegetation). Dieses Muster persistierte trotz Artenwechsel über circa 1,5 Millionen Jahre.

Größenvergleich

Mensch
Nashorn
Corythosaurus
BIOLOGIE

Lebenszyklus und Verhalten

Ontogenese – vom Kammkind zum Helmträger

Die Kamm-Ontogenese bei Corythosaurus ist gut dokumentiert und taxonomisch bedeutsam. Der Kamm beginnt sich erst bei etwa 50 % der Maximalgröße zu entwickeln – deutlich später als bei Parasaurolophus (~25 %). Danach wächst er mit starker positiver Allometrie. Juvenile verschiedener Lambeosaurinen-Gattungen ähnelten sich äußerlich so stark, dass sie in der Vergangenheit als eigene Gattungen beschrieben wurden: „Tetragonosaurus" und „Procheneosaurus" entpuppten sich als Jungtiere von Corythosaurus und Lambeosaurus (Dodson 1975, Systematic Zoology 24: 37–54). Dodsons morphometrische Analyse reduzierte die damals bis zu sieben benannten Corythosaurus-Arten drastisch und zeigte, dass die Kammvariation primär ontogenetisch und individuell bedingt war.

Brown, Holmes und Currie (2020) dokumentierten anhand eines subadulten Exemplars weitere ontogenetische Details: Die Brauenhornkerne sind bei Subadulten noch vorhanden und werden bei Adulten resorbiert. Currie, Lü und Wang (2023) zeigten, dass Lambeosaurinen und Hadrosaurinen bei der Geburt ähnliche Zahnzahlen besaßen, die sich während der Ontogenese divergent entwickelten.

Sozialverhalten und Herden

Das große Cerebrum, die auf Niedrigfrequenz-Kommunikation spezialisierten Ohren und die akustische Resonanzkammer im Kamm bilden zusammen ein überzeugendes Argument für komplexes Sozialverhalten. Corythosaurus lebte vermutlich in Herden, wie dies für andere Hadrosaurier durch Bonebeds gut belegt ist. Auffällig ist die systematische Unterrepräsentation von Juvenilen in den Fundstellen – ein möglicher Hinweis auf Alterssegregation, bei der Jungtiere getrennt von den Adulten in eigenen Gruppen lebten.

Das Aktivitätsmuster war nach Skleralring-Analysen cathemeral – aktiv sowohl tagsüber als auch in der Dämmerung, nicht streng tag- oder nachtaktiv. Diese Analyse ist methodisch allerdings nicht unumstritten.

Biostratigraphie und ökologischer Kontext

Eberth et al. (2023, Canadian Journal of Earth Sciences 60(12): 1627–1646) kalibrierten die Biostratigraphie des Dinosaur Provincial Park mittels hochpräziser U-Pb-Geochronologie. Die Corythosaurus–Centrosaurus apertus Biozone wird auf 76,47–75,77 Ma datiert (Dauer: ca. 700.000 Jahre). C. casuarius dominiert den unteren Teil (76,6–75,9 Ma), C. intermedius den oberen (75,8–75,7 Ma). Darüber wird Corythosaurus durch Lambeosaurus abgelöst – ein klares faunistisches Ablösungsmuster.

Mallon (2019) wies nach, dass die Megaherbivoren-Gemeinschaft der Dinosaur Park Formation durch ökologischen Wettbewerb strukturiert war: Hadrosaurier, Ceratopsier und Ankylosaurer besetzten unterschiedliche Nahrungsnischen, die trotz Artenwechsel über 1,5 Millionen Jahre stabil blieben.

Verbreitung und Fundorte

21 bekannte Fundorte von Corythosaurus-Fossilien weltweit.

Fundort

21 Fundorte in 3 Ländern

Kanada16
Unbekannt4
USA1
GESCHICHTE

Die Entdeckung

1911

Brown findet Holotyp

Barnum Brown legt am Red Deer River das nahezu vollständige Skelett AMNH 5240 frei – mit umfangreichen Hautabdrücken, erhaltenem Helmkamm und fossilisiertem Mageninhalt (Koniferennadeln, Samen, Zweige, Früchte).

1914

Brown beschreibt neue Art

Brown beschreibt die neue Gattung und Art als Corythosaurus casuarius (Bulletin of the American Museum of Natural History 33(35): 559–564). Der Gattungsname verweist auf den korinthischen Helm, der Artname auf den Kasuar.

1916

Fossilien versenkt

Am 6. Dezember 1916 versenkt der deutsche Hilfskreuzer SMS Möwe die SS Mount Temple im Nordatlantik. An Bord befinden sich zwei der besterhaltenen Corythosaurus-Exemplare und mindestens 22 Kisten Fossilien, alle für das British Museum bestimmt. Die Fossilien liegen bis heute auf dem Meeresgrund.

1975

Dodson klärt Jungtier-Verwirrung

Peter Dodson (Systematic Zoology 24: 37–54) weist durch morphometrische Analyse nach, dass die bis dahin als eigene Gattungen beschriebenen Tetragonosaurus und Procheneosaurus juvenile Lambeosaurinen sind – darunter Jungtiere von Corythosaurus. Die zuvor sieben benannten Arten werden drastisch reduziert.

1981

Kamm als Resonanzkammer

Weishampel (Paleobiology 7(2): 252–261) modelliert die Resonanzfähigkeit des hohlen Kamms und berechnet Frequenzen deutlich unter 1.000 Hz. Die Lateral-Divertikel fungieren als frequenzselektive Filter.

2009

CT zeigt Gehirn und Ohren

Evans, Ridgely und Witmer (Anatomical Record 292: 1315–1337) zeigen per CT-Endocast, dass die verlängerte Cochlea auf Niedrigfrequenzen spezialisiert war. Das Cerebrum umfasste 39–43 % des Endocast-Volumens – konsistent mit komplexem Sozialverhalten.

2023

Montana-Funde und Biostratigraphie

Takasaki et al. (Anatomical Record 306(7): 1918–1938) beschreiben die ersten definitiven Corythosaurus-Funde aus der Judith River Formation, Montana. Eberth et al. (Canadian Journal of Earth Sciences 60(12): 1627–1646) kalibrieren die Biostratigraphie: C. casuarius-Biozone 76,6–75,9 Ma, C. intermedius 75,8–75,7 Ma.

2026

Interne Kamm-Anatomie per CT

Dudgeon, Brown und Evans (Anatomical Record, DOI: 10.1002/ar.70125) beschreiben erstmals mittels CT die interne Anatomie adulter Exemplare: S-Loops der Nasenvestibüle, gelappte Lateral-Divertikel und minimale interspezifische Variation zwischen C. casuarius und C. intermedius.

KONTEXT

Die SS Mount Temple und die Montana-Funde

Am 6. Dezember 1916 versenkte der deutsche Hilfskreuzer SMS Möwe die SS Mount Temple im Nordatlantik. An Bord befanden sich zwei der besterhaltenen Corythosaurus-Exemplare, gesammelt von C.H. Sternberg – darunter möglicherweise eine „Dinosaurier-Mumie" mit Hautabdrücken. Insgesamt gingen mindestens 22 Kisten mit Fossilien unter, darunter vier Hadrosaurier-Skelette und ein Chasmosaurus-Schädel, alle für das British Museum bestimmt. Darren Tanke (2008) korrigierte den lange kolportierten Mythos eines U-Boot-Angriffs: Sternberg hatte 1917 fälschlich ein U-Boot als Ursache berichtet. Die Fossilien liegen bis heute auf dem Meeresgrund.

Biogeographisch galt Corythosaurus lange als Alberta-Endemit. Takasaki et al. (2023, Anatomical Record 306(7): 1918–1938) beschrieben die ersten definitiven Corythosaurus-Funde aus der Judith River Formation in Montana und erweiterten damit die Verbreitung der Gattung nach Süden. Dies deutet darauf hin, dass die bisher angenommenen „bemerkenswert kleinen geografischen Areale" nordamerikanischer Hadrosaurier teilweise ein taphonomisches Artefakt sind – bedingt durch die ungleiche Erforschung verschiedener Formationen.