Zum Hauptinhalt springen
dinos.life
Iguanodon

Iguanodon

Einer der ersten benannten Dinosaurier – und ein Tier, das die Paläontologie seit 200 Jahren immer wieder überrascht

Als Gideon Mantell im Jahr 1822 seltsame fossile Zähne aus einem Steinbruch in Sussex erhielt, ahnte niemand, dass diese unscheinbaren Überreste die Vorstellung vom Leben auf der Erde grundlegend verändern würden. Die Zähne gehörten einem Tier, das Mantell 1825 „Iguanodon" taufte – „Leguan-Zahn" –, weil der Naturforscher Samuel Stuchbury ihre Ähnlichkeit mit den Zähnen moderner Leguane erkannte. Es war erst der zweite Dinosaurier, der einen wissenschaftlichen Namen erhielt. Seitdem hat kaum ein anderer Dinosaurier eine so wechselvolle Forschungsgeschichte durchlebt: vom vierbeinigen Elefantenreptil mit Nasenhorn über den aufrecht stehenden Känguru-Dinosaurier bis hin zur neuesten Erkenntnis, dass Iguanodon möglicherweise ein obligater Vierfüßler war.

0
Körperlänge
Größere Bernissart-Exemplare bis 11 m
0
Gewicht
Vergleichbar mit einem kleinen afrikanischen Elefanten
0
Zahnpositionen
29 Oberkiefer + 25 Unterkiefer pro Seite
0
Zeitliche Einordnung
Barremium bis frühes Aptium, Untere Kreide
0
Individuen in Bernissart
Größte bekannte Iguanodon-Ansammlung
ANATOMIE

Die Architektur eines Jägers

Iguanodon bernissartensis erreichte eine Länge von 9 bis 11 Metern, eine Hüfthöhe von rund 2,8 Metern und ein geschätztes Gewicht von 3.400 bis 4.500 kg. Damit gehört er zu den großen Ornithopoden der Unteren Kreide. Seine Anatomie zeigt eine faszinierende Mischung aus ursprünglichen und abgeleiteten Merkmalen, die ihn zum Schlüsseltaxon für das Verständnis der Iguanodontia macht.

Der Daumenstachel – eine Ikone der Paläontologie

Kaum ein anatomisches Merkmal eines Dinosauriers hat eine so bewegte Interpretationsgeschichte wie der Pollex-Stachel von Iguanodon. Als Mantell die ersten Knochen zusammensetzte, platzierte er den kegelförmigen Stachel auf die Nase – eine Fehlinterpretation, die Richard Owen 1842 übernahm und die 1854 in den berühmten Crystal-Palace-Skulpturen von Benjamin Waterhouse Hawkins verewigt wurde. Erst die Entdeckung der Bernissart-Skelette 1878 zeigte seine wahre Position am Daumen.

Die Funktion des Stachels bleibt umstritten. Verteidigung gegen Raubtiere ist eine naheliegende Hypothese, doch auch intraspezifischer Kampf oder eine Rolle bei der Nahrungssuche (etwa das Aufbrechen von Samen oder Früchten) werden diskutiert. Eine definitive biomechanische Analyse steht noch aus.

Die Multifunktions-Hand

Die fünfgliedrige Hand von Iguanodon ist im Tierreich einzigartig in ihrer funktionellen Differenzierung. Finger I trägt den Daumenstachel. Die Finger II, III und IV sind zu hufartigen, gewichttragenden Strukturen verwachsen – die Phalangealformel lautet 2-3-3-2-4. Finger V dagegen ist verlängert, flexibel und teilweise opponierbar, was eine Greiffunktion nahelegt. Diese dreifache Funktionsaufteilung – Waffe, Gewichtsträger, Greifwerkzeug – innerhalb einer einzigen Hand hat keine bekannte Parallele bei anderen Wirbeltieren.

Kaumechanismus und Bezahnung

Iguanodon besaß bis zu 29 Oberkiefer- und 25 Unterkieferzähne pro Seite (insgesamt etwa 108 Zahnpositionen). Die lanzettförmigen Kronen mit dickem Zahnschmelz und gezacktem Rand waren ideal zum Zerkleinern von Pflanzenmaterial. Anders als die späteren Hadrosaurier besaß Iguanodon nur einen Ersatzzahn pro Position – noch keine echte Zahnbatterie.

Der von Weishampel (1984) beschriebene Pleurokinesis-Mechanismus ist besonders bemerkenswert: Beim Kauen bewegten sich die Oberkieferknochen seitlich nach außen, sodass die Zahnreihen aneinander rieben. Zusammen mit wangenartigen Strukturen, die die Nahrung im Maul hielten, und einem kräftigen Zungenbein entstand ein erstaunlich effektiver Kauapparat.

Fortbewegung: Vom Bipeden zum obligaten Quadrupeden

Die Fortbewegung von Iguanodon wurde im Laufe der Forschungsgeschichte dreimal grundlegend neu bewertet. Louis Dollo rekonstruierte die Bernissart-Skelette 1882 als aufrechte Bipeden in „Känguru-Haltung". David Norman zeigte ab 1980, dass der durch verknöcherte Sehnen versteifte Schwanz als Stütze ungeeignet war, und schlug eine horizontale Haltung mit fakultativer Bipedie vor.

Die jüngste Revision stammt von Gônet, Allain und Houssaye (2026, Fossil Record 29(1): 71–86). Ihre vergleichende Analyse von 11 osteologischen Korrelaten bei 12 Saurischiern und 32 Ornithischiern ergab, dass Iguanodon bei 9 von 11 Korrelaten als quadruped einzustufen ist. Die beste Interpretation sei eine obligate Quadrupedie – Iguanodon lief demnach dauerhaft auf allen vieren. Die Autoren merken allerdings an, dass dieses Ergebnis teilweise davon abhängt, wie die Fortbewegung der Hadrosaurier bewertet wird. Diese Studie ist noch sehr neu und muss sich in der breiteren Diskussion bewähren.

Größenvergleich

Mensch
Nashorn
Iguanodon
BIOLOGIE

Lebenszyklus und Verhalten

Ernährung

Iguanodon war ein reiner Herbivore, der als niedriger bis mittlerer Browser Pflanzen bis in etwa 4–5 Meter Höhe erreichte. Der zahnlose Keratinschnabel an der Schnauzenspitze diente zum Abrupfen, die Backenzähne mit ihrem Pleurokinesis-Mechanismus zum gründlichen Zermalmen.

Eine palynologische Analyse von Ramirez et al. (2024, Cretaceous Research 155: 105804) am Palau-3-Fundort in Morella (Spanien) rekonstruierte das Nahrungsspektrum: Dominant waren Cheirolepidiaceae-Koniferen (deren Pollen Classopollis) und Anemiaceae-Farne. Iguanodon lebte in einer Landschaft aus Nadelwäldern, Farnwiesen und Feuchtgebieten.

Sozialverhalten und Herdenbildung

Zwei Fundstellen liefern starke Indizien für gregäres Verhalten. In Bernissart (Belgien) wurden mindestens 43 Individuen in enger räumlicher Nähe gefunden – die größte bekannte Ansammlung von Iguanodon-Skeletten weltweit. In Nehden bei Brilon (Deutschland) dokumentierte Norman 1987 mindestens 15 Individuen verschiedener Altersstufen (2–8 m Länge) in einer Karst-/Höhlenablagerung.

Die Nehden-Fundstelle ist besonders aufschlussreich, da das breite Altersspektrum gegen eine rein taphonomische Erklärung (zufällige Ansammlung) spricht. Norman interpretierte den Fund als mögliches Herdensterben beim Durchqueren eines Flusses. Die Kombination beider Fundstellen macht ein Herdenleben bei Iguanodon plausibel, auch wenn alternative Erklärungen (wiederholte Nutzung von Wasserstellen, saisonale Zusammenkünfte) nicht ausgeschlossen werden können.

Fortpflanzung und Ontogenese

Direkte Nachweise von Eiern oder Nestern für I. bernissartensis fehlen bislang. Der wichtigste Einblick in die frühe Ontogenese stammt von der verwandten Art I. galvensis (Verdú et al. 2015) aus Galve (Spanien), wo 13 perinatale Individuen – also frisch geschlüpfte oder kurz vor dem Schlüpfen stehende Tiere – gefunden wurden.

Die ontogenetische Veränderung der Fortbewegung ist ein spannendes Forschungsfeld: Die Arme juveniler Iguanodons waren proportional kürzer (etwa 60 % der Beinlänge) als bei Erwachsenen (75 %). Dies legt nahe, dass Jungtiere möglicherweise bipeder waren als die Adulten. Die Lebensspanne wird auf 25 bis 50 Jahre geschätzt, wobei diese Angabe mangels histologischer Daten für Iguanodon selbst mit Vorsicht zu behandeln ist.

Verbreitung und Fundorte

29 bekannte Fundorte von Iguanodon-Fossilien weltweit.

Fundort

29 Fundorte in 6 Ländern

Spanien8
Unbekannt7
UK6
Deutschland4
Frankreich3
BE1
GESCHICHTE

Die Entdeckung

1825

Iguanodon benannt

Formale Benennung am 10. Februar 1825 vor der Royal Society. Mantells eigener Vorschlag „Iguanasaurus" setzte sich nicht durch. Iguanodon ist der zweite jemals benannte Dinosaurier.

1842

„Dinosaurier" erfunden

Richard Owen definiert die Ordnung Dinosauria anhand von Iguanodon, Megalosaurus und Hylaeosaurus. Owen rekonstruiert Iguanodon als elefantenartiges Vierfüßler-Reptil – der Daumenstachel wird fälschlich auf die Nase gesetzt.

1878

Bernissart-Massenfund

Jules Créteur und Alphonse Blanchard entdecken am 28.02.1878 in 322 m Tiefe in der Mine Sainte-Barbe bei Bernissart pyritinkrustierte Knochen. Louis de Pauw leitet die Bergung, Louis Dollo die Bearbeitung. Mind. 43 Individuen (25 komplett, 18 fragmentarisch). Dollo rekonstruiert 1882 in aufrechter Känguru-Haltung.

1980

Neue Haltung

David Norman revidiert die Haltung: Der durch verknöcherte Sehnen versteifte Schwanz war als Stütze ungeeignet. Horizontale Körperhaltung mit fakultativer Bipedie wird zum neuen Standard.

-126

Iguanodon lebt

Iguanodon bernissartensis im Barremium–frühen Aptium (126–122 Mya) in Westeuropa. Habitat: feuchte Flusslandschaften mit Cheirolepidiaceae-Koniferen und Anemiaceae-Farnen (Ramirez et al. 2024).

1822

Erste Zähne entdeckt

Fossile Zähne aus Tilgate Forest bei Cuckfield (Sussex) gelangen in Mantells Hände – möglicherweise bereits am 21. Mai 1821. Samuel Stuchbury erkennt die Ähnlichkeit mit Iguana-Zähnen; Conybeare schlägt den Namen „Iguanodon" vor.

1854

Crystal-Palace-Skulpturen

Enthüllung der Crystal-Palace-Skulpturen von Benjamin Waterhouse Hawkins. Am 31.12.1853 speisten 21 Gäste im Inneren der Gussform – das legendäre „Dinner in the Iguanodon". Owen saß im Kopf des Modells. Mantell erlebte dies nicht mehr (verstorben 10.11.1852).

2026

Obligater Vierfüßler?

Gônet, Allain & Houssaye (Fossil Record 29(1): 71–86) analysieren 11 osteologische Korrelate bei 44 Ornithischiern und Saurischiern. Ergebnis: 9/11 Korrelate deuten auf obligate Quadrupedie. Die Studie ist neu und muss sich in der breiteren Diskussion bewähren.

KONTEXT

Entdeckung und Forschungsgeschichte

Die Geschichte von Iguanodon ist untrennbar mit der Geschichte der Paläontologie selbst verbunden. Die ersten fossilen Zähne wurden 1822 in Tilgate Forest bei Cuckfield (Sussex) entdeckt – möglicherweise sogar bereits am 21. Mai 1821, wie neuere Forschung nahelegt (Deposits Magazine 2020). Wer die Zähne fand, ist umstritten: Gideon Mantell schrieb die Entdeckung zunächst seiner Frau Mary Ann zu (1827, 1833), widerrief dies aber nach der Scheidung (1851). Neuere Auswertungen historischer Dokumente (2020, 2025) stützen Mary Anns Version. Die formale Benennung erfolgte am 10. Februar 1825 vor der Royal Society. Samuel Stuchbury erkannte die Ähnlichkeit mit Iguana-Zähnen; William Daniel Conybeare schlug den Namen „Iguanodon" vor – Mantells eigener Vorschlag „Iguanasaurus" setzte sich nicht durch.

1842 verwendete Richard Owen Iguanodon zusammen mit Megalosaurus und Hylaeosaurus, um die Ordnung Dinosauria zu definieren. Owen stellte sich Iguanodon als elefantenartiges Vierfüßler-Reptil mit einem Nasenhorn vor – der Daumenstachel wurde fälschlich auf die Nase gesetzt. Diese Vorstellung materialisierte sich 1854 in den Crystal-Palace-Skulpturen von Benjamin Waterhouse Hawkins. Am Silvesterabend 1853 fand das legendäre „Dinner in the Iguanodon" statt: 21 Gäste speisten im Inneren der Gussform, wobei Owen im „Kopf" des Modells saß. Mantell erlebte dies nicht mehr – er war am 10. November 1852 verstorben.

Der Durchbruch kam am 28. Februar 1878, als die Bergleute Jules Créteur und Alphonse Blanchard in 322 Metern Tiefe in der Kohlemine Sainte-Barbe bei Bernissart auf pyritinkrustierte Knochen stießen, die sie zunächst für goldgefülltes Holz hielten. Louis de Pauw leitete die Bergung, Louis Dollo die Bearbeitung. Mindestens 43 Individuen wurden geborgen (Norman 1986 nannte 38; neuere Zählungen ergaben 25 komplett erhaltene und 18 fragmentarische Exemplare). Dollo rekonstruierte die Skelette 1882 in aufrechter Känguru-Haltung – eine Darstellung, die erst ab 1980 durch Normans horizontale Rekonstruktion abgelöst wurde. Die Mine wurde im Ersten Weltkrieg von deutschen Truppen geflutet und nie wieder geöffnet, obwohl eine Bohrung 2002/2003 noch Knochenfragmente zutage förderte.

Taxonomisch war „Iguanodon" lange ein sogenanntes Wastebasket-Taxon: Zahlreiche kaum verwandte Arten wurden unter diesem Namen gesammelt. Die Bereinigung begann 2000 mit der ICZN-Entscheidung (Opinion 1947, basierend auf der Petition Case 3037 von Charig & Chapman 1998), I. bernissartensis mit dem Lectotypus IRSNB 1534 zur Typusart zu erklären. Paul (2007) trennte Mantellisaurus ab, Norman (2010) begründete Barilium und Hypselospinus. Heute ist I. bernissartensis die einzige breit anerkannte Art; der Status von I. galvensis (2025 als Paulodon abgetrennt) ist in der Diskussion.