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Megalosaurus

Megalosaurus

Der erste wissenschaftlich benannte Dinosaurier – und trotz 200 Jahren Forschung einer der am schlechtesten bekannten großen Theropoden.

Im Februar 1824 trat William Buckland als frisch gewählter Präsident der Geological Society of London ans Rednerpult und beschrieb ein riesiges, fleischfressendes Reptil aus den Steinbrüchen von Stonesfield in Oxfordshire. Er nannte es Megalosaurus – „große Echse". Es war die erste gültige wissenschaftliche Benennung eines Dinosauriers überhaupt. Was Buckland nicht ahnen konnte: Dieses Tier würde zum Ausgangspunkt einer ganzen Disziplin werden, und gleichzeitig zu einem der hartnäckigsten Rätsel der Paläontologie – denn bis heute wurde kein vollständiges Skelett gefunden.

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Körperlänge (konservativ)
Paul 2010; traditionelle Schätzungen bis 9 m
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Geschätztes Gewicht
Bandbreite methodenabhängig; Anderson-Extrapolation: 943 kg
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Zeitliche Einordnung
Bathonium, Mittlerer Jura (ICS 2024)
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Erstbeschreibung
Erster gültig benannter Dinosaurier (Buckland)
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Bekannte Exemplare (Stonesfield)
Von mindestens 7 Individuen (Benson 2010)
ANATOMIE

Die Architektur eines Jägers

Megalosaurus bucklandii war ein mittelgroßer bis großer bipeder Theropode aus der Familie der Megalosauridae (Unterfamilie Megalosaurinae). Die Körperlänge wird konservativ auf etwa 6 Meter geschätzt (Paul, 2010), während traditionelle und fährtenbasierte Schätzungen bis zu 9 Meter nahelegen. Das Gewicht schwankt je nach Methode erheblich: Paul (2010) gibt rund 700 kg an, eine Anderson-Extrapolation aus dem Femur BMNH 31806 (803 mm Länge) ergibt 943 kg, und Maximalschätzungen reichen bis 2.000 kg. Diese Unsicherheiten spiegeln ein Grundproblem wider – das Material ist fragmentarisch, und viele Rekonstruktionen beruhen auf Vergleichen mit besser bekannten Verwandten wie Torvosaurus.

Schädel und Bezahnung

Der Schädel von M. bucklandii ist nur aus einzelnen Elementen bekannt (Maxilla, Dentale, Nasale, Lacrimale). Diese sind im Verhältnis zum übrigen Skelett relativ groß, was auf einen ungewöhnlich massigen Kopf hindeuten könnte – oder schlicht ein Artefakt der Überlieferung sein mag. Die Prämaxilla ist nicht erhalten, sodass die Schnauzenform unklar bleibt; ein kurzer vorderer Maxillaast deutet auf eine stumpfe, kurze Schnauze hin. Die Maxilla trug 13 Zähne mit einer maximalen Kronenlänge von 7 cm. Die Zähne waren lateral komprimiert, klingenförmig gebogen und trugen feine Dentikel (Sägezähne) an den Schneidkanten: 8–13 pro 5 mm nach Hendrickx et al. (2015). Die mesialen Dentikel waren subquadrangulär, die distalen horizontal subrektangulär geformt. Hohe, dreieckige, nicht-verschmolzene Interdentalplatten stützten die Zähne. Ein CT-Scan des Lectotyp-Dentals (OUM J13505) an der University of Warwick (2017) enthüllte zahlreiche verborgene Ersatzzähne in verschiedenen Wachstumsstadien sowie ein Netzwerk vaskulärer Kanäle im Kieferknochen – Hinweise auf ein aktives, kontinuierliches Zahnwechsel-System, wie es bei Theropoden typisch ist. Die Gesamtzahnzahl lässt sich nicht bestimmen, da die Prämaxilla fehlt. Die wahrscheinliche Zahnformel beträgt 4, 13–14 / 13–14 (Prämaxilla, Maxilla / Dentale), was etwa 48–64 Zähne ergeben würde. Eine konkrete Beißkraft wurde für M. bucklandii nie publiziert. Rowe & Rayfield (2025, Current Biology 35(15): 3664–3673.e3) zeigten in einer 3D-Finite-Elemente-Analyse an 18 Theropoden-Arten, dass Megalosauroidea (untersucht: Torvosaurus, Spinosaurus, Suchomimus – nicht M. bucklandii direkt) generalisierte Schädelarchitekturen mit niedrigen Stresswerten beibehielten. Dies deutet auf eine „Low-Stress, Lower-Power"-Strategie hin, bei der Fleisch durch schnelle Kopfbewegungen abgerissen wurde, statt Knochen zu zertrümmern.

Postkranium

Das postkraniale Skelett ist besser überliefert als der Schädel, aber dennoch lückenhaft. Der Femur BMNH 31806 misst 803 mm; ein zweites Exemplar (OUM J13561) erreicht ~860 mm, was auf deutlich größere Individuen hindeutet. Die Hinterextremitäten waren kräftig mit drei lastentragenden, nach vorne gerichteten Zehen. Benson (2010) identifizierte mehrere Autapomorphien im Postkranium: ventral gerundete Sakralwirbel, einen dorsalen Flansch am Scapulablatt, posterodorsal geneigte Rillen an der medianen Iliumleiste, einen verdickten Ischium-Apron und komplementäre Rillen-Leisten-Strukturen an den Gelenkflächen zwischen Metatarsalia II und III. Die Vorderextremitäten sind nur fragmentarisch bekannt. Sie waren vermutlich kurz, aber kräftig, mit drei Fingern und Krallen – typisch für basale Tetanurae. Der Schwanz umfasste wahrscheinlich 50–60 Wirbel und machte geschätzt die Hälfte des Körpergewichts aus, was dem Tier als massives Gegengewicht diente. Fährten aus der Dewars Farm Quarry bei Bicester (2024) zeigen einen dreizehigen Fußabdruck von 65 cm Länge mit 2,7 m Schrittlänge, der vermutlich von Megalosaurus stammt. Die berechnete Gehgeschwindigkeit beträgt rund 5 km/h. Die maximale Laufgeschwindigkeit bleibt unbekannt – eine wichtige Wissenslücke, die verdeutlicht, wie wenig wir über die Lokomotion dieses Tieres wissen.

Größenvergleich

Mensch
Pferd
Megalosaurus
BIOLOGIE

Lebenszyklus und Verhalten

Jagdverhalten und Ökologie

Megalosaurus war der Apex-Prädator seines Ökosystems (Benson, 2010). Er lebte auf dem London-Brabant-Massif, einer tektonischen Hochzone, die im Mittleren Jura eine Inselmasse von ungefähr 100.000 km² bildete – vergleichbar mit Kuba. Das Klima war warm und feucht, die Vegetation von Cycadeen, Koniferen und Moosen dominiert. An den Küsten existierten Gezeitenflächen, auf denen Dinosaurier ihre Spuren hinterließen.

Megalosaurus teilte seinen Lebensraum mit Sauropoden wie Cetiosaurus und Cardiodon, anderen Theropoden wie Cruxicheiros und Iliosuchus, dem Krokodil Steneosaurus und dem Pterosaurier Rhamphocephalus. Als größter Raubtier dürfte er juvenile Sauropoden und Ornithopoden erbeutet haben. Für größere Beute wird eine „Slash-and-Tear"-Strategie vermutet, bei der mit dem klingenförmigen Gebiss Fleischwunden gerissen wurden, ohne den Kiefer maximaler Belastung auszusetzen – konsistent mit den Ergebnissen von Rowe & Rayfield (2025) zur Megalosauroidea-Biomechanik.

Über das Sozialverhalten liegen keine Daten vor. Es ist kein Bonebed mit mehreren Megalosaurus-Individuen bekannt, und die 2024er Dewars-Farm-Fährte zeigt ein einzelnes Tier.

Fortpflanzung und Lebenserwartung

Über die Fortpflanzung von M. bucklandii ist praktisch nichts gesichert. Wie alle Dinosaurier war er ovipar (eierlegend), doch es wurden weder Eier noch Nester oder Medullarknochen für diese Art nachgewiesen.

Ebenso fehlen histologische Daten (LAG-Analysen), sodass weder Wachstumsraten noch die Lebenserwartung bestimmt werden können. Dies ist bemerkenswert für einen so historisch prominenten Dinosaurier und zeigt, wie stark die tatsächliche Kenntnis hinter dem Bekanntheitsgrad zurückbleibt. Selbst grundlegende Fragen – Wie schnell wuchs er? Wie alt wurde er? – lassen sich beim derzeitigen Materialstand nicht beantworten.

Verbreitung und Fundorte

14 bekannte Fundorte von Megalosaurus-Fossilien weltweit.

Fundort

14 Fundorte in 2 Ländern

UK10
Unbekannt4
GESCHICHTE

Die Entdeckung

1676

Erster Knochen

Sir Thomas Pennyson übergibt ein distales Femur-Fragment aus Cornwell (Oxfordshire) an Robert Plot, der es 1677 in seiner Natural History of Oxfordshire publiziert – die erste Abbildung eines Dinosaurierknochens. Plot interpretierte es als Oberschenkel eines biblischen Riesen.

1824

Erstbeschreibung

William Buckland lieferte am 20. Februar 1824 in seiner Antrittsrede als Präsident der Geological Society of London die gültige Erstbeschreibung von Megalosaurus – der erste gültig benannte Dinosaurier. Der Name war seit 1822 durch James Parkinson (geprägt von William Conybeare) als nomen nudum im Umlauf. Gideon Mantell vergab 1827 den Binomialnamen M. bucklandii.

1842

Dinosauria gegründet

Richard Owen nutzte Megalosaurus als eines von drei Gründungstaxona (neben Iguanodon und Hylaeosaurus) für die neue Gruppe Dinosauria. Der Begriff erschien nicht in Owens mündlichem Vortrag von 1841, sondern erst in der gedruckten Fassung im April 1842.

1854

Crystal-Palace-Skulptur

Benjamin Waterhouse Hawkins schuf unter Anleitung von Richard Owen eine 3,5 m hohe, 10 m lange Skulptur: ein vierbeiniger, eidechsenartiger Megalosaurus mit Rückenhöcker. Der Buckel basierte auf hohen Dornfortsatz-Wirbeln, die Owen fälschlich zuordnete – sie gehören zu Altispinax dunkeri (Allosauroid, Kreidezeit). Die Skulptur, heute Grade I Listed Building, steht im Crystal Palace Park in Sydenham.

2010

Moderne Revision

Bensons monumentale Neubeschreibung (Zoological Journal of the Linnean Society 158: 882–935) umfasste 103 Exemplare von mindestens 7 Individuen, identifizierte neue postkraniale Autapomorphien und ordnete Megalosaurus mittels phylogenetischer Analyse (41 Taxa, 213 Merkmale) als Schwestergruppe von Torvosaurus innerhalb der Megalosaurinae ein. Die einstige Rolle als Wastebasket-Taxon mit bis zu 48 zugeordneten Arten wurde endgültig bereinigt.

-168

Lebenszeit

Megalosaurus bucklandii lebte im Bathonium des Mittleren Jura (168,2–165,3 Mya, ICS 2024) auf dem London-Brabant-Massif, einer tektonischen Hochzone von ~100.000 km² mit warm-feuchtem Klima und Cycadeen-Koniferen-Vegetation.

1763

Scrotum Humanum

Richard Brookes reproduzierte Plots Illustration und betitelte sie „Scrotum Humanum" wegen der optischen Ähnlichkeit. ICZN-Sekretär Philip K. Tubbs befand, es handele sich lediglich um eine Bildunterschrift ohne taxonomische Absicht – kein gültiger zoologischer Name.

2024

Dewars Farm

Die Hauptgrabung bei Dewars Farm Quarry (Juni 2024, über 100 Beteiligte) legte ~200 Fußabdrücke frei – die größte Dinosaurier-Fährtenstelle Großbritanniens, zeitlich passend zum 200. Jahrestag der Benennung. Eine Megalosaurus-Fährte (65 cm Fußlänge, 2,7 m Schrittlänge, ~5 km/h Gehgeschwindigkeit) liefert erstmals Lokomotionsdaten, wobei die Gattungszuordnung auf morphologischen Indizien beruht. 2025 folgte dort Europas längste Sauropoden-Fährte (220 m).

KONTEXT

Forschungsgeschichte und kulturelle Bedeutung

Die Geschichte von Megalosaurus liest sich wie ein Crash-Kurs in der Entstehung der Paläontologie. 1676 wurde ein distales Femur-Fragment aus Cornwell, Oxfordshire, von Sir Thomas Pennyson an den Naturforscher Robert Plot übergeben. Plot beschrieb es 1677 in seiner Natural History of Oxfordshire – die erste publizierte Abbildung eines Dinosaurierknochens. Er hielt es für den Oberschenkel eines biblischen Riesen. 1763 reproduzierte Richard Brookes die Illustration und betitelte sie „Scrotum Humanum" wegen der optischen Ähnlichkeit. Obwohl dieser Name theoretisch Priorität hätte, entschied ICZN-Sekretär Philip K. Tubbs, dass es sich lediglich um eine Bildunterschrift ohne taxonomische Absicht handelte – kein gültiger zoologischer Name.

1818 besuchte Georges Cuvier England und traf William Buckland am Royal College of Surgeons in London. Er untersuchte die seit 1815 aus Stonesfield gesammelten Knochen und erkannte anhand der waranartigen, aber übergroßen Zähne ein riesiges fleischfressendes Landreptil. 1822 verwendete James Parkinson erstmals den Namen „Megalosaurus" (geprägt von William Conybeare), allerdings ohne formale Diagnose – ein nomen nudum. Am 20. Februar 1824 lieferte Buckland in seiner Antrittsrede als Präsident der Geological Society of London die gültige Erstbeschreibung. Gideon Mantell vergab 1827 in Illustrations of the Geology of Sussex den Binomialnamen M. bucklandii. Und 1842 nutzte Richard Owen Megalosaurus als eines von drei Gründungstaxona der neuen Gruppe Dinosauria – wobei der Begriff „Dinosauria" nicht in Owens mündlichem Vortrag von 1841 fiel, sondern erst in der gedruckten Fassung im April 1842 erschien.

Besonders anschaulich zeigt die Crystal-Palace-Skulptur von 1854 die Irrwege früher Rekonstruktionen: Benjamin Waterhouse Hawkins schuf unter Anleitung von Richard Owen eine 3,5 m hohe, 10 m lange Skulptur eines vierbeinigen, eidechsenartigen Megalosaurus mit einem markanten Rückenhöcker. Dieser Buckel basierte auf drei hohen Dornfortsatz-Wirbeln, die Owen fälschlich dem Megalosaurus zuordnete – sie gehören tatsächlich zu Altispinax dunkeri, einem Allosauroid aus der Kreidezeit. Die Skulptur, heute Grade I Listed Building, steht immer noch im Crystal Palace Park in Sydenham und ist ein faszinierendes Denkmal für den Wandel unseres Dinosaurier-Verständnisses.

Die moderne Revision begann mit Benson, Barrett, Powell & Norman (2008), die den von Molnar (1990) gewählten Lectotyp (rechtes Dentale, OUM J13505) anhand zweier Autapomorphien – einer Längsrinne auf der ventrolateralen Oberfläche und einem schlitzförmigen vorderen Meckel'schen Foramen – als diagnostizierbar bestätigten. Bensons monumentale Neubeschreibung (2010, Zoological Journal of the Linnean Society 158: 882–935) umfasste 103 Exemplare aus Stonesfield von mindestens 7 Individuen, identifizierte neue postkraniale Autapomorphien und ordnete Megalosaurus mittels phylogenetischer Analyse (41 Taxa, 213 Merkmale, 29 davon neu) als Schwestergruppe von Torvosaurus innerhalb der Megalosaurinae ein. Die einstige Rolle als „Wastebasket-Taxon" – zeitweilig mit bis zu 48 zugeordneten Arten – ist damit endgültig bereinigt.

Aktuellste Highlights sind die Fährtenfunde bei Dewars Farm Quarry: 2022 entdeckte Steinbrucharbeiter Gary Johnson erste Spuren; die Hauptgrabung im Juni 2024 mit über 100 Beteiligten legte rund 200 Fußabdrücke frei – die größte Dinosaurier-Fährtenstelle Großbritanniens, passend zum 200. Jahrestag der Benennung. Im Sommer 2025 folgte dort Europas längste Sauropoden-Fährte (220 m). Die Megalosaurus-Fährte mit 65 cm Fußlänge bietet erstmals Lokomotionsdaten, auch wenn die Zuordnung zur Gattung auf morphologischen Indizien beruht und nicht als gesichert gelten kann.