
Dilophosaurus wetherilli
Der größte Räuber des frühen Jura – und einer der am meisten missverstandenen Dinosaurier der Popkultur.
Im Sommer 1940 stieß der Navajo Jesse Williams auf große Knochen im purpurfarbenen Schiefergestein der Kayenta Formation, nahe Tuba City in Arizona. Zwei Jahre später bargen Charles Camp und Samuel Welles von der University of California drei Skelette – und damit die Überreste eines Tieres, das unser Verständnis der frühen Theropoden-Evolution grundlegend prägen sollte. Der Dilophosaurus wetherilli, die „Doppelkamm-Echse", war mit bis zu 7 Metern Länge das größte bekannte Landtier Nordamerikas im Unteren Jura. Doch es brauchte 80 Jahre und eine monumentale Neubeschreibung, bis die Forschung ein annähernd vollständiges Bild dieses Räubers zeichnen konnte.
Die Architektur eines Jägers
Die Anatomie von Dilophosaurus vereint archaische Merkmale der frühen Theropoden mit erstaunlich fortschrittlichen Anpassungen, die Parallelen zu modernen Vögeln aufweisen. Die umfassende Neubeschreibung durch Marsh & Rowe (2020) hat zahlreiche ältere Annahmen über den Körperbau korrigiert.
Schädel und Doppelkämme
Der Schädel des Dilophosaurus war mit 52–62 cm Länge (je nach Exemplar) groß, aber vergleichsweise leicht gebaut. Sein auffälligstes Merkmal waren die zwei parallelen, bogenförmigen Knochenkämme auf dem Schädeldach, gebildet aus vergrößertem Nasenbein und Tränenbein. Lange Zeit galten diese Kämme als fragile Strukturen – doch Marsh & Rowe (2020) konnten zeigen, dass sie durch ein System wabenförmiger Luftkammern (Pneumatizität) von innen verstärkt waren, vergleichbar mit der Struktur moderner Vogelknochen. Die genaue Funktion der Kämme ist nicht abschließend geklärt. Die gängigsten Hypothesen sind Artgenossen-Erkennung und sexuelle Selektion, möglicherweise ergänzt durch Thermoregulation oder akustische Resonanz. Alle zwölf Hirnnerven sind am Hirnschädel identifizierbar, und die ausgedehnte Pneumatisierung des Schädels mit Luftsäcken stellt eine bemerkenswerte Parallele zu Vögeln dar. Im Oberkiefer befand sich eine charakteristische subnariale Lücke (Diastema) zwischen Prämaxilla und Maxilla. Diese Kerbe, kombiniert mit einer Zahnrosette an der Schnauzenspitze, erinnert an die Morphologie von Spinosauriden und Ghariale – was einige Forscher als mögliche Anpassung an gelegentlichen Fischfang deuten (Milner & Kirkland, 2007). Entgegen älterer Darstellungen war die Verbindung zwischen Prämaxilla und Maxilla laut Marsh & Rowe (2020) unbeweglich und deutlich robuster als zuvor angenommen.
Bezahnung
Dilophosaurus besaß 66 Zähne, verteilt auf je 4 Prämaxillar-, 12 Maxillar- und 17 Dentarzähne pro Kieferseite. Die Zähne waren lang, seitlich komprimiert und leicht gebogen, mit feiner Sägezähnung an Vorder- und Hinterkanten (31–41 Dentikel vorne, 29–33 hinten). Der Zahnschmelz war mit 0,1–0,15 mm auffallend dünn. Die unterschiedlichen Zahnformen entlang des Kiefers deuten auf eine funktionale Differenzierung hin: Die Prämaxillarzähne dienten dem Zupacken und Reißen, die Maxillarzähne dem Durchstechen und Schneiden. Die biomechanische Analyse von Therrien et al. (2005) zeigte, dass die Beißkraft im hinteren Kieferbereich stark abnimmt, während die verstärkte Symphyse vorne auf einen Beutefang mit der Schnauzenspitze hindeutet – ein Mechanismus, der auch bei Krokodilen und Katzenartigen vorkommt.
Vordergliedmaßen
Die Arme waren kräftiger als bei vielen späteren Theropoden, mit einem schlanken Humerus von 27–28,5 cm Länge beim Holotyp. Die Hand trug vier Finger: Der erste war kurz, aber stark und mit einer großen Klaue versehen, der zweite und dritte waren länger und schlanker, der vierte verkümmert. Die Handflächen zeigten nach innen (medial). Senter & Sullivan (2019) untersuchten den Bewegungsumfang der Arme im Detail. Ihr Befund: Die Schulter hatte eine eingeschränkte Mobilität, und der Ellbogen konnte nicht über 90° gebeugt werden. Dilophosaurus konnte Beute unter der Brust greifen und Objekte an den Körper drücken, aber der erste Kontakt mit Beute erfolgte nach dieser Analyse über das Maul – nicht über die Hände.
Hinterbeine und Fortbewegung
Als obligater Biped lief Dilophosaurus ausschließlich auf seinen kräftigen Hinterbeinen. Der Oberschenkelknochen (Femur) maß 56 cm beim Holotyp (UCMP 37302) und 59 cm beim größeren Exemplar UCMP 77270. Bemerkenswert: Der Femur war leicht länger als die Tibia – ein Verhältnis, das eher für ausdauernde Fortbewegung als für Sprints spricht und sich von schnelleren Theropoden wie Coelophysis unterscheidet. Sellers et al. (2007) schätzten die Höchstgeschwindigkeit mittels muskuloskelettaler Simulation auf etwa 37,8 km/h. Dieser Wert ist eine Modellberechnung und mit entsprechender Unsicherheit behaftet – je nach Methode ergeben sich Schätzungen zwischen 24 und 38 km/h. Der Fuß trug drei gut entwickelte Zehen mit großen Krallen; die erste Zehe (Hallux) berührte den Boden nicht. Die dritte Zehe war die kräftigste.
Größenvergleich
Lebenszyklus und Verhalten
Jagdstrategie und Ernährung
Dilophosaurus war ein aktiver Jäger und generalistischer Fleischfresser. Nach der Analyse von Senter & Sullivan (2019) erfolgte der erste Beutekontakt über das Maul – die Arme kamen erst sekundär zum Einsatz. Die Jagdstrategie bestand vermutlich aus schnellen, schlitzenden Bissen zur Verwundung, gefolgt vom Ergreifen geschwächter Beute mit der verstärkten Schnauzenspitze.
Therrien et al. (2005) zeigten, dass die Beißkraft im vorderen Kieferbereich konzentriert war, während sie nach hinten stark abnahm. Marsh & Rowe (2020) korrigierten die ältere Einschätzung von Welles (1984), der die Kiefer als relativ schwach eingestuft und Aasfresser-Verhalten vermutet hatte: Die Kiefer waren robust genug, um Knochen zu durchdringen.
Die Zahnrosette und die zurückgesetzten Nasenlöcher haben zu der Hypothese geführt, dass Dilophosaurus gelegentlich auch Fische fing (Milner & Kirkland, 2007). Der große See „Lake Dixie", der sich von Utah bis Arizona erstreckte, hätte solche Ressourcen geboten. Insgesamt war Dilophosaurus als größtes Raubtier seiner Region wohl in der Lage, die meisten pflanzenfressenden Zeitgenossen zu erlegen.
Wachstum und Ontogenie
Die Knochenstruktur von Dilophosaurus zeigt fibrollamelläres Gewebe – ein Indikator für schnelles Wachstum mit einer geschätzten Rate von 30–35 kg pro Jahr (Tkach, 1996; Tykoski, 2005). Die Lebensspanne ist mangels Skeletochronologie (LAG-Zählung) nicht bestimmbar.
Ein bemerkenswerter Aspekt der Fossilüberlieferung: Die meisten bekannten Exemplare sind juvenil oder subadult. Nur ein einziges Individuum – UCMP 77270 – wird als ausgewachsen eingestuft. Gay (2005) argumentierte, dass die morphologische Variation zwischen den Exemplaren eher auf unterschiedliche Altersstufen als auf Geschlechtsdimorphismus zurückgeht. Das bedeutet auch, dass die volle Größenspanne der Art möglicherweise unterschätzt wird.
Sozialverhalten
Die Frage, ob Dilophosaurus ein Einzelgänger oder ein soziales Tier war, bleibt offen. Der stärkste Hinweis auf Sozialverhalten: 1942 wurden drei Skelette in Dreiecksformation gefunden. Zudem kommen Fußspuren, die der Art zugeschrieben werden, häufig in Gruppen vor.
Allerdings ist keine dieser Beobachtungen ein Beweis für Rudelverhalten. Die drei Skelette könnten durch natürliche Prozesse – etwa an einer austrocknenden Wasserstelle – zusammengetragen worden sein. Ohne weitere taphonomische Analysen lässt sich diese Frage nicht abschließend beantworten.
Verbreitung und Fundorte
12 bekannte Fundorte von Dilophosaurus-Fossilien weltweit.
12 Fundorte in 2 Ländern
Die Entdeckung
Unterer Jura beginnt
Das Sinemurium markiert den Beginn der Zeitspanne, in der die Kayenta Formation abgelagert wurde. Nach dem Massenaussterben an der Trias-Jura-Grenze (~201,3 Mya) diversifizierten sich die Dinosaurier rasch und besetzten frei gewordene ökologische Nischen.
Dilophosaurus lebt
Die mittlere Kayenta Formation, datiert auf etwa 193 Mya, repräsentiert den Kernlebensraum von Dilophosaurus wetherilli. Als größter bekannter Theropode Nordamerikas im Unteren Jura besetzte er die ökologische Rolle des Apex-Prädators in einem halbwüstenartigen Ökosystem mit saisonalen Flüssen.
Ende der Kayenta-Zeit
Das Pliensbachium (bzw. möglicherweise frühes Toarcium nach neueren Detrital-Zirkon-Datierungen) markiert das Ende der Kayenta Formation. Die Theropoden-Evolution setzte sich fort, und aus der Stammlinie der nicht-averostranischen Neotheropoden – zu der Dilophosaurus gehört – entwickelten sich später die Averostraniergruppen einschließlich der Tetanurae.
Entdeckung
Im Sommer 1940 stieß Jesse Williams, ein Mitglied der Navajo Nation, auf exponierte Knochen im purpurfarbenen Schiefergestein nahe Tuba City. Charles Camp und Samuel Welles von der University of California bargen 1942 drei Skelette in Dreiecksformation – den späteren Holotyp UCMP 37302 und zwei weitere Exemplare.
Erstbeschreibung
Welles (1954) beschrieb das Material zunächst als Megalosaurus wetherilli, benannt nach John Wetherill, einem bekannten Entdecker und Händler der Region. Die Zuordnung zu Megalosaurus – damals eine weit gefasste Sammelgattung – entsprach der gängigen Praxis der Zeit.
Neuer Name
Nach der Entdeckung eines weiteren Exemplars (UCMP 77270) mit vollständig erhaltenen Schädelkämmen erkannte Welles die Eigenständigkeit der Gattung und führte 1970 den Namen Dilophosaurus ein. Die namensgebenden Doppelkämme – gebildet aus Nasenbein und Tränenbein – wurden zum diagnostischen Merkmal.
Jurassic Park
Steven Spielbergs „Jurassic Park" prägte das öffentliche Bild des Dilophosaurus nachhaltig – und verfälschte es grundlegend. Die Filmdarstellung zeigte ein menschengroßes Tier mit aufstellbarem Nackenkragen und Giftspuck-Fähigkeit. Im Making-of-Buch (Shay & Duncan, 1993) wurde dies als „einzige ernste Abweichung von wissenschaftlicher Korrektheit" im Film bezeichnet. Es gibt keinerlei Fossilbelege für Kragen, Giftdrüsen oder Giftproduktion.
Neubeschreibung
Marsh & Rowe (2020) publizierten eine 103-seitige Monographie – die umfassendste Studie aller bekannten Exemplare. Wesentliche Korrekturen: Die Prämaxilla-Maxilla-Verbindung war unbeweglich und robuster als angenommen; die Kämme waren durch wabenförmige Pneumatizität strukturell verstärkt; phylogenetisch ist D. wetherilli als nicht-averostranischer Neotheropode einzuordnen, womit die traditionelle Familie „Dilophosauridae" als nicht monophyletisch hinfällig ist.
Jurassic Park und die Folgen: Ein Dinosaurier zwischen Fakt und Fiktion
Kein Dinosaurier ist so stark durch die Popkultur verfälscht worden wie Dilophosaurus. Steven Spielbergs Film „Jurassic Park" (1993) zeigte ihn als kleines, menschengroßes Tier mit aufstellbarem Nackenkragen und der Fähigkeit, Gift zu spucken. Im Making-of-Buch von Shay & Duncan (1993) wurde diese Darstellung als „einzige ernste Abweichung von wissenschaftlicher Korrektheit" im gesamten Film bezeichnet. In Wahrheit war Dilophosaurus bis zu 7 Meter lang, es gibt keinerlei Fossilbeleg für einen Nackenkragen, Giftdrüsen oder die Fähigkeit zum Giftspucken. Die Kragenidee war von der Kragenechse inspiriert, die Verkleinerung sollte eine Verwechslung mit dem Velociraptor vermeiden.
Die Landmark-Monographie von Marsh & Rowe (2020) – 103 Seiten, die umfassendste Studie aller bekannten Exemplare – hat das Bild des Dilophosaurus in mehrfacher Hinsicht korrigiert: Die Kiefer waren robuster als gedacht, die Kämme durch Pneumatizität strukturell verstärkt, und phylogenetisch ist die Art als nicht-averostranischer Neotheropode einzuordnen – ein Vertreter der Stammlinie, aus der sich später die großen Raubdinosaurier entwickelten. Die traditionelle Familienzuordnung „Dilophosauridae" erwies sich als nicht monophyletisch und ist damit hinfällig.
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