
Spinosaurus
Der kontroverseste Dinosaurier der modernen Forschung – vom zerstörten Holotyp zur heißesten Debatte der Paläontologie
Im Herbst 1912 entdeckte der Fossiliensammler Richard Markgraf in der Bahariya-Oase in Ägypten die Reste eines Tieres, das die Paläontologie noch ein Jahrhundert später in Atem halten sollte. Ernst Stromer von Reichenbach beschrieb es 1915 als Spinosaurus aegyptiacus – die „Dornen-Echse aus Ägypten". Dann, in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944, vernichtete ein britischer Bombenangriff auf München den Holotyp und alle anderen Stromer-Dinosaurier. Was blieb, waren Zeichnungen, Fotos und ein Rätsel, das Forscher bis heute nicht gelöst haben: Was war Spinosaurus wirklich? Ein aquatisches „Flussmonster"? Ein riesiger flugunfähiger Reiher? Die Antwort ist seit 2014 Gegenstand der vielleicht hitzigsten Debatte der modernen Paläontologie.
Die Architektur eines Jägers
Die Maße von Spinosaurus sind selbst Gegenstand der Kontroverse. Sereno et al. (2022, eLife 11: e80092) ermittelten mittels CT-basierter 3D-Skelettrekonstruktion 14 Meter Länge und 7,4 Tonnen Gewicht. Ibrahim et al. (2014) schätzten über 15 Meter, Dal Sasso et al. (2005) sogar 16 bis 18 Meter – basierend auf der Extrapolation eines 98,8 cm langen Schnauzenexemplars (MSNM V4047). Die Diskrepanz spiegelt unterschiedliche Methoden und Annahmen wider: Kein vollständiges adultes Skelett ist bekannt.
Das Rückensegel
Die Neuralfortsätze der Rückenwirbel erreichten bis zu 1,65 Meter Höhe – das größte bekannte Rückensegel aller Dinosaurier. Die ältere Hypothese einer thermoregulativen Funktion (Wärmeaufnahme/-abgabe) ist weitgehend aufgegeben: Die Fortsätze bestehen aus dichtem Knochen mit wenigen Blutgefäßen – schlecht geeignet für Wärmeaustausch. Die wahrscheinlichste Funktion ist visuelle Signalgebung: Artenerkennung, sexuelle Selektion oder territoriale Markierung. Hone und Holtz (2021) schlugen vor, dass auch der paddelförmige Schwanz primär ein Display-Organ sein könnte – nicht ein Schwimmwerkzeug.
Schädel und Bezahnung
Der Schädel von Spinosaurus war lang, niedrig und krokodilförmig. Dal Sasso, Maganuco, Buffetaut und Mendez (2005, Journal of Vertebrate Paleontology 25(4): 888–896) beschrieben das Schnauzenexemplar MSNM V4047 und schätzten die Gesamtschädellänge auf etwa 1,75 Meter – wobei diese Schätzung auf der Annahme basiert, dass das Postorbital dem von Irritator ähnelte. Die äußere Naris (Nasenloch) war retrahiert (weiter hinten als bei anderen Spinosauriden), begrenzt nur von Maxilla und Nasale. Die verschmolzenen Nasale trugen einen längsgefurchten Kamm.
Die Zähne waren konisch und gerade, mit wenig bis keiner Sägezähnung – völlig anders als die klingenartigen Sägezähne von Tyrannosauriern oder Dromaeosauriden. An der Schnauzenspitze griffen die Zähne ineinander und bildeten eine „Rosette" – eine Greifvorrichtung, die bei Krokodilen, Ichthyosauriern und piscivoren Pterosauriern konvergent auftritt.
2026 beschrieben Sereno et al. (Science, DOI: 10.1126/science.adx5486) eine zweite Art: Spinosaurus mirabilis aus der Farak-Formation in Niger. Der Holotyp MNBH JEN1 zeigt einen scimitarförmigen Knochenkamm von etwa 50 cm Höhe – den höchsten Schädelkamm aller bekannten Theropoden, keratinüberzogen und möglicherweise farbig (Analogie: Helmperlhuhn, Numida meleagris). Die Zähne von S. mirabilis stehen weiter auseinander als bei S. aegyptiacus.
Der Paddelschwanz und die aquatische Debatte
Ibrahim et al. (2020, Nature 581: 67–70) beschrieben den Schwanz des vorgeschlagenen Neotyps FSAC-KK 11888: Extrem hohe Neuralfortsätze und verlängerte Chevrons bilden eine flexible, flossenartige Struktur. Experimente mit Schwanzmodellen zeigten 8-mal mehr Schub und 2,6-mal höhere Effizienz gegenüber anderen Theropoden-Schwanzformen. Ibrahim nannte Spinosaurus ein „river monster".
Fabbri, Navalón, Benson und Kollegen (2022, Nature 603: 852–857) stützten die aquatische Hypothese mit einer Knochendichte-Analyse: Mittels phylogenetic flexible discriminant analysis (pFDA) verglichen sie die „global bone compactness" von Spinosauriden mit 250 Spezies. Ergebnis: Spinosaurus und Baryonyx hatten extrem dichte, fast massive Knochen – konsistent mit aktivem Untertauchen. Der verwandte Suchomimus hatte dagegen leichtere Knochen, was auf Waten hindeutet.
Die Gegenseite ist ebenso gut belegt. Hone und Holtz (2021, Palaeontologia Electronica 24(1): a03) argumentierten für ein „Reiher-Modell": Spinosaurus jagte wie ein riesiger flugunfähiger Reiher vom Ufer oder in seichtem Wasser. Sereno et al. (2022, eLife 11: e80092) zeigten mit einer CT-basierten 3D-Rekonstruktion, dass Spinosaurus zu auftriebsstark gewesen wäre zum Tauchen und bei Wassertiefen über 2,6 Metern durch das Segel seitwärts gekippt wäre. Ibrahim et al. hätten Rumpflänge um 10 %, Brustkorbtiefe um 25 % und Armlänge um 30 % überschätzt. Myhrvold, Baumgart, Vidal und Kollegen (2024, PLOS ONE 19(3): e0298957) kritisierten zusätzlich die Methodik von Fabbri et al. wegen kleiner Stichproben und Auswahlverzerrungen und berechneten eine maximale Schwimmgeschwindigkeit von nur 0,8 m/s an der Oberfläche – eine Größenordnung unter echten aquatischen Verfolgungsjägern wie Delfinen.
Die 2026 beschriebene Art S. mirabilis könnte ein Wendepunkt sein: Ihr Fundort liegt rund 1.000 km von der nächsten antiken Meeresküste entfernt im Binnenland des heutigen Niger. Zudem hatte S. mirabilis proportional längere Hinterbeine als S. aegyptiacus. Beides stützt eher ein Wate-/Reiher-Modell als ein Schwimmer-Modell. Stand 2026 hat keine Seite definitiv gewonnen.
Größenvergleich
Lebenszyklus und Verhalten
Ernährung und Nischenpartitionierung
Spinosaurus war primär piscivor (fischfressend), konnte aber als generalistischer Karnivore auch andere Beute ergreifen. Die konischen, unsägezahnten Zähne und die ineinandergreifende Schnauzenspitzen-„Rosette" sind konvergent zu modernen und fossilen Fischfressern (Gaviale, Ichthyosaurier, piscivore Pterosaurier).
In der Bahariya-Formation koexistierten drei Riesenkarnivoren: Spinosaurus, Carcharodontosaurus und Bahariasaurus – ein von Stromer als paradox empfundenes Phänomen, da Karnivoren die Herbivoren scheinbar überwogen. Die Lösung liegt in der Nischenpartitionierung: Spinosaurus nutzte aquatische Nahrungsquellen (Fische und andere Wasserorganismen), während Carcharodontosaurus und Bahariasaurus Landbeute jagten. Dieses Modell erklärt die scheinbare Überrepräsentation von Karnivoren.
Sozialverhalten und Fortpflanzung
Über das Sozialverhalten von Spinosaurus ist praktisch nichts bekannt – es gibt keine Hinweise auf Gruppen- oder Herdenverhalten. Das Rückensegel und der Schädelkamm von S. mirabilis (keratinüberzogen, vermutlich farbig) weisen allerdings auf eine Rolle in der sozialen oder sexuellen Kommunikation hin. Ob sexueller Dimorphismus existierte, ist mangels ausreichenden Probenmaterials nicht zu klären.
Nester oder Eier wurden für Spinosaurus nicht gefunden. Die Lebensspanne ist unbekannt; der vorgeschlagene Neotyp FSAC-KK 11888 war bei seinem Tod subadult, geschätztes Alter etwa 17 (± 2) Jahre.
Verbreitung und Fundorte
24 bekannte Fundorte von Spinosaurus-Fossilien weltweit.
24 Fundorte in 5 Ländern
Die Entdeckung
Entdeckung
Der Fossiliensammler Richard Markgraf fand im Herbst 1912 in der Bahariya-Oase den Holotyp BSP 1912 VIII 19: Unterkiefer, 20 Zähne, Wirbel mit bis zu 1,65 m langen Neuralfortsätzen, Rippen und Gastralia.
Erstbeschreibung
Ernst Stromer von Reichenbach beschrieb Spinosaurus aegyptiacus (Abh. Bayer. Akad. Wiss. 28(3): 1–32) und begründete die Familie Spinosauridae.
Holotyp zerstört
In der Nacht vom 24./25. April 1944 traf ein RAF-Bombenangriff die Alte Akademie in München. Der Holotyp, Spinosaurus B (BSP 1922 X45) und alle Stromer-Dinosaurier wurden zerstört. Sammlungsleiter Karl Beurlen hatte eine Evakuierung verweigert.
Semiaquatische Hypothese
Ibrahim et al. (Science 345(6204): 1613–1616) beschrieben FSAC-KK 11888 als semiaquatisch und schlugen es als Neotyp vor. Die verkürzte Hinterextremität, dichte Knochen und die Schnauzenanatomie wurden als aquatische Anpassungen interpretiert.
Paddelschwanz
Ibrahim et al. (Nature 581: 67–70) beschrieben die paddelförmige Schwanzstruktur: extrem hohe Neuralfortsätze und verlängerte Chevrons erzeugten 8× mehr Schub und 2,6× höhere Effizienz als typische Theropoden-Schwänze.
Schädelrekonstruktion
Dal Sasso, Maganuco, Buffetaut und Mendez beschrieben das Schnauzenexemplar MSNM V4047 (J. Vert. Paleontol. 25(4): 888–896) und schätzten die Gesamtschädellänge auf ~1,75 m.
Gegenmodell
Sereno et al. (eLife 11: e80092) zeigten mittels CT-basierter 3D-Rekonstruktion: Spinosaurus war bei >2,6 m Wassertiefe durch das Segel seitwärts instabil. Parallel kritisierten sie Ibrahim et al. für Überschätzungen von Rumpflänge (10 %), Brustkorbtiefe (25 %) und Armlänge (30 %).
Zweite Art entdeckt
Sereno et al. (Science, DOI: 10.1126/science.adx5486) beschrieben S. mirabilis aus der Farak Formation (Niger): scimitarförmiger, keratinüberzogener Schädelkamm (~50 cm), proportional längere Hinterbeine, Fundort ~1.000 km von der antiken Küste. Der Binnenlandfund stützt eher ein Wate-/Reiher-Modell.
Ernst Stromer – eine tragische Forschungsgeschichte
Die Geschichte von Spinosaurus ist untrennbar mit dem Schicksal seines Entdeckers verbunden. Ernst Stromer von Reichenbach, bayerischer Paläontologe, finanzierte ab 1910 Expeditionen in die Bahariya-Oase durch den Fossiliensammler Richard Markgraf. 1912 entdeckte Markgraf den Holotyp BSP 1912 VIII 19: Unterkiefer, 20 Zähne, Hals-, Rücken-, Sakral- und Schwanzwirbel mit bis zu 1,65 m langen Neuralfortsätzen, dazu Rippen und Gastralia. Stromer beschrieb das Material 1915 und begründete damit die Familie Spinosauridae.
In den 1930er und 1940er Jahren versuchte Stromer wiederholt, den Sammlungsleiter Karl Beurlen davon zu überzeugen, die Fossilien aus der Paläontologischen Staatssammlung in München zu evakuieren. Beurlen – ein überzeugter Nationalsozialist, der mit dem regimekritischen Stromer in Konflikt stand – weigerte sich. In der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944 traf ein britischer Bombenangriff die Alte Akademie in München. Der Holotyp von Spinosaurus, „Spinosaurus B" (BSP 1922 X45) sowie alle anderen Stromer-Dinosaurier – Aegyptosaurus, Bahariasaurus, Carcharodontosaurus – wurden zerstört. Stromer selbst hatte zwei von drei Söhnen im Krieg verloren (Ulman 1941, Gerhart 1944); sein dritter Sohn Wolfgang überlebte in sowjetischer Gefangenschaft und kehrte erst 1951 zurück. Stromer starb am 18. Dezember 1952 in Erlangen.
Die Forschung an Spinosaurus erlebte ab 2008 eine Renaissance, als der deutsch-marokkanische Paläontologe Nizar Ibrahim in Marokko ein subadultes Exemplar (FSAC-KK 11888) aufspürte – mit einer bemerkenswerten Geschichte: Ibrahim fand den marokkanischen Fossiliensammler, der die Knochen ursprünglich entdeckt hatte, nach Jahren zufällig in einem Café in Erfoud wieder. Dieses Material lieferte die Grundlage für die semiaquatische Hypothese (Ibrahim et al. 2014, Science 345(6204): 1613–1616) und den Paddelschwanz (Ibrahim et al. 2020, Nature 581: 67–70). Der von Ibrahim vorgeschlagene Neotyp-Status für dieses Exemplar wurde allerdings von Evers et al. (2015) angefochten und ist von der ICZN nicht formal bestätigt.
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