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Protoceratops

Protoceratops

Über 100 Skelette, weichschalige Eier und ein Frill, der mehr über soziale Signale verrät als über Verteidigung – der häufigste Dinosaurier der Djadokhta Formation.

Als der Fotograf James B. Shackelford am 2. September 1922 in den rötlichen Sandsteinen der Flaming Cliffs einen kleinen Schädel freilegte, ahnte niemand, dass dieser Fund den Startschuss für eine der produktivsten Fossiliensuchen des 20. Jahrhunderts geben würde. Walter Granger und William K. Gregory beschrieben das Tier 1923 als Protoceratops andrewsi (American Museum Novitates 72: 1–9) – das „Erste gehörnte Gesicht", benannt zu Ehren des Expeditionsleiters Roy Chapman Andrews. Heute, über ein Jahrhundert später, ist Protoceratops mit mehr als 100 bekannten Exemplaren in allen Wachstumsstadien einer der am besten dokumentierten Dinosaurier überhaupt.

Protoceratops Skelett
Protoceratops Skelett – Museum
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Körperlänge
P. andrewsi; P. hellenikorhinus etwas größer
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Gewicht (Spannbreite)
Stark variierend je nach Individuum, Alter und Schätzmethode
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Bekannte Exemplare
Alle Wachstumsstadien vom Schlüpfling bis zum alten Adulten vertreten
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Zeitliche Einordnung
Campanium, Obere Kreide; Djadokhta Formation nicht radiometrisch datiert
ANATOMIE

Die Architektur eines Jägers

Der Holotyp AMNH 6251 ist ein partieller juveniler Schädel. Dank der enormen Probengröße aus der Djadokhta Formation können Paläontologen die gesamte Ontogenese – vom Schlüpfling bis zum alten Adulten – nachvollziehen, was Protoceratops zu einem Modellorganismus für die Dinosaurier-Entwicklungsbiologie macht.

Der Nackenschild – Signal statt Schutz

Das auffälligste Merkmal ist der Nackenschild (Frill), gebildet aus Parietal- und Squamosalknochen mit zwei Parietalfenstern. Hone, Wood und Knapp (2016, Palaeontologia Electronica 19(3): Art. 19.3.52A) wiesen anhand von 37 Schädeln in vier Größenklassen nach, dass der Frill positiver Allometrie unterliegt – er wächst überproportional schnell und ändert im Laufe der Ontogenese seine Neigung von flach (juvenil) zu steil aufgerichtet (adult). Knapp, Knell und Hone (2021, Proceedings of the Royal Society B 288: 20202938) führten die erste hochauflösende 3D-geometrisch-morphometrische Analyse an 30 Schädeln durch. Drei von vier Vorhersagen für sozio-sexuelle Signalstrukturen wurden bestätigt: geringe Integration mit dem restlichen Schädel, die höchste Wachstumsrate aller Schädelregionen und die höchste morphologische Varianz. Einzig ein klarer Sexualdimorphismus in der Frill-Form konnte nicht nachgewiesen werden – weder in dieser Studie noch in früheren (Maiorino et al. 2015, PLOS ONE 10(5): e0126464). Hone et al. (2017) argumentieren, dass protrahiertes Wachstum bei Dinosauriern dimorphe Signale systematisch verschleiern könnte. Die Frage bleibt offen.

Bezahnung und Ernährung

Protoceratops besaß einen kräftigen, papageienartigen Schnabel (Rostrale) und dahinter Zahnbatterien mit vertikal gestapelten Ersatzzähnen. Die Zähne waren als Schneidklingen angeordnet, mit grob texturiertem Schmelz und Mikro-Serrationen an der Basis – optimiert für das Zerkleinern zäher, faseriger Vegetation. Zwei kleine Prämaxillarzähne saßen nahe der Schnabelspitze. Eine quantitative Zahnzahl lässt sich nicht sinnvoll angeben, da Zahnbatterien kontinuierlich Zähne produzieren und abstoßen.

Ontogenetischer Gangwechsel

Eine der bemerkenswertesten Entdeckungen betrifft die Fortbewegung: Słowiak, Tereshchenko und Fostowicz-Frelik (2019, PeerJ 7: e7324) zeigten, dass sich die Tibia-Femur-Proportionen während des Wachstums signifikant verschieben. Bei Schlüpflingen ist die Tibia deutlich länger als das Femur, bei großen Adulten nur noch geringfügig. Dies dokumentiert einen ontogenetischen Wechsel von fakultativer Bipedie (Jungtiere) zu obligater Quadrupedie (Erwachsene) – der Psittacosaurus-ähnliche Schlüpfling entwickelte sich zu einem vollständig vierbeinigen Erwachsenen.

Größenvergleich

Mensch
Schaf
Protoceratops
BIOLOGIE

Lebenszyklus und Verhalten

Weichschalige Eier – eine Revolution der Reproduktionsbiologie

Trotz Tausender Protoceratops-Skelette waren Eier dieser Gattung extrem selten. Die berühmten „Dinosaurier-Eier" vom Flaming Cliffs, 1923 entdeckt und jahrzehntelang Protoceratops zugeschrieben, gehörten in Wahrheit zu Oviraptor (Norell et al. 1994, Science 266: 779–782).

Die Erklärung lieferten Norell, Wiemann, Fabbri et al. (2020, Nature 583: 406–410): Mittels Raman-Spektroskopie und Histologie wiesen sie nach, dass Protoceratops weichschalige Eier legte – vergleichbar mit Schildkröteneiern. Weiche Schalen fossilisieren drastisch schlechter als harte, was die Seltenheit im Fossilbericht erklärt. Die Eier wurden wahrscheinlich in Sand vergraben, da eine weiche Schale das Gewicht eines brütenden Elternteils nicht tragen könnte. Die Autoren schlossen, dass harte Eierschalen bei Dinosauriern mindestens dreimal unabhängig evolvierten – eine Interpretation, die allerdings durch Nachfolgestudien mit größeren Stichproben angezweifelt wird.

Sozialverhalten und Brutpflege

Protoceratops zeigt eines der am besten dokumentierten Sozialverhalten unter Nicht-Vogel-Dinosauriern. Fastovsky et al. (2011, Journal of Paleontology 85(6): 1035–1041) beschrieben ein Nest (MPC-D 100/530) mit 15 juvenilen Individuen von Tugriken Shireh. Die Jungtiere waren 10–15 cm lang und wahrscheinlich unter einem Jahr alt, aber keine Schlüpflinge mehr – ein Hinweis auf verlängertes Nestlingsverhalten.

Hone, Farke und Wedel (2014, PLOS ONE 9(12): e113306) dokumentierten eine Aggregation von vier Juvenilen derselben Größenklasse – Beleg für alterssegregierten Zusammenhalt durch die gesamte Ontogenese. Am Fundort Bayan Mandahu in China fanden sino-belgische Expeditionen fünf adulte P. hellenikorhinus parallel und Bauch an Bauch liegend. Das Gesamtbild deutet auf Herdenverhalten mit altersspezifischen Untergruppen hin.

Aktivitätsmuster

Schmitz und Motani (2011, Science 332: 705–708) analysierten Skleralringe und Orbitamorphologie bei 33 Archosauriern und klassifizierten Protoceratops als cathemeral – aktiv in der Dämmerung und tagsüber in kurzen Intervallen, nicht streng nachtaktiv, wie zuvor vermutet wurde. Diese Methodik wurde allerdings kritisiert (Hall, Kamilar & Kirk 2011), sodass das Ergebnis mit Vorsicht zu betrachten ist.

Verbreitung und Fundorte

21 bekannte Fundorte von Protoceratops-Fossilien weltweit.

Fundort

21 Fundorte in 2 Ländern

Mongolei17
Unbekannt4
GESCHICHTE

Die Entdeckung

1922

Shackelford findet Schädel

Am 2. September 1922 legt James B. Shackelford bei den Central Asiatic Expeditions des AMNH in den rötlichen Sandsteinen der Flaming Cliffs (Bayn Dzak, Mongolei) einen kleinen Ceratopsier-Schädel frei.

1923

Granger & Gregory benennen Art

Walter Granger und William K. Gregory beschreiben den Holotyp AMNH 6251 als Protoceratops andrewsi (American Museum Novitates 72: 1–9), benannt zu Ehren des Expeditionsleiters Roy Chapman Andrews.

1971

Fighting Dinosaurs entdeckt

Am 3. August 1971 wird bei Tugriken Shireh das Exemplar MPC-D 100/25 entdeckt – ein Protoceratops andrewsi und ein Velociraptor mongoliensis, die während eines Kampfes von einer kollabierenden Sanddüne begraben wurden. Das Fossil wird zum Nationalschatz der Mongolei.

2001

Zweite Art beschrieben

Lambert, Godefroit, Li, Shang und Dong beschreiben P. hellenikorhinus aus der Bayan Mandahu Formation (Innere Mongolei, China) – größer als P. andrewsi, mit robusteren Jugalknochen und ausgeprägterem Nasalhöcker.

2011

Nest mit 15 Babys

Fastovsky et al. beschreiben MPC-D 100/530 – ein Nest mit 15 juvenilen Individuen (10–15 cm lang, unter einem Jahr alt) von Tugriken Shireh (Journal of Paleontology 85(6): 1035–1041). Beleg für verlängertes Nestlingsverhalten.

2019

Taxonomie-Revolution

Czepiński (Historical Biology 32(10): 1394–1421) vereinfacht die Protoceratopsidae durch umfangreiche Synonymisierungen: Gobiceratops, Lamaceratops, Magnirostris und Platyceratops werden Synonyme von Bagaceratops. 2020 schlägt er Anagenese von P. andrewsi zu Bagaceratops vor (APP 65(3): 481–497).

2020

Weichschalige Eier nachgewiesen

Norell, Wiemann, Fabbri et al. (Nature 583: 406–410) weisen mittels Raman-Spektroskopie und Histologie nach, dass Protoceratops weichschalige Eier legte. Dies erklärt die Seltenheit im Fossilbericht und die jahrzehntelange Fehlzuordnung der hartschaligen Flaming-Cliffs-Eier an Protoceratops.

2024

Greif-Legende widerlegt

Witton und Hing (Interdisciplinary Science Reviews, DOI: 10.1177/03080188241255543) widerlegen systematisch die Hypothese (Mayor 1993/2000), dass Protoceratops-Fossilien die antike Greifenlegende inspirierten: keine geographische, archäologische oder anatomische Evidenz stützt die Verbindung.

KONTEXT

Taxonomie und die Greif-Legende

Czepiński (2019, Historical Biology 32(10): 1394–1421) vereinfachte die Protoceratopsidae durch umfangreiche Synonymisierungen radikal: Gobiceratops, Lamaceratops, Magnirostris und Platyceratops sind demnach allesamt Synonyme von Bagaceratops. Die Familie reduziert sich auf drei Gattungen: Protoceratops (basal), Breviceratops und Bagaceratops (am abgeleitetsten). Besonders faszinierend ist Czepińskis Hypothese, dass P. andrewsi über Anagenese (graduelle Evolution innerhalb einer Linie) zu Bagaceratops evolvierte – gestützt durch ein Exemplar aus Üüden Sair (MPC-D 100/551B) mit intermediären Merkmalen (Czepiński 2020, Acta Palaeontologica Polonica 65(3): 481–497). Eine zweite Art, P. hellenikorhinus, wurde 2001 von Lambert, Godefroit, Li, Shang und Dong aus der Bayan Mandahu Formation (Innere Mongolei, China) beschrieben – größer als P. andrewsi, mit robusteren Jugalknochen und ausgeprägterem Nasalhöcker.

Die populäre Hypothese, dass Protoceratops-Fossilien die antike Greifenlegende inspirierten (Mayor 1993/2000), wurde 2024 von Witton und Hing (Interdisciplinary Science Reviews, DOI: 10.1177/03080188241255543) systematisch widerlegt. Die Autoren zeigten, dass die Fossilien Hunderte Kilometer von antiken Goldvorkommen entfernt liegen, keine archäologische Assoziation zwischen Fossilien und Greifen-Darstellungen existiert und die anatomische Ähnlichkeit auf selektiver Beweisführung beruht. Greifen sind demnach rein imaginäre Kreaturen – eine Erkenntnis, die sich in der populären Darstellung allerdings nur langsam durchsetzen dürfte.