Die Sichelkralle – vom Schlitzwerkzeug zum Greifvogel-Anker
Die namensgebende Sichelkralle am zweiten Zeh (Digit II) war etwa 120 mm lang, hyperextendierbar und wurde beim Gehen vom Boden angehoben – Deinonychus lief auf dem dritten und vierten Zeh. Ostrom (1969) beschrieb einen Schwungbogen von 180° und interpretierte die Kralle als Schlitzwaffe zum Aufschneiden großer Beutetiere.
Diese Interpretation hielt sich jahrzehntelang, wurde aber durch experimentelle Tests erschüttert. Manning, Payne, Pennicott, Barrett und Ennos (2006, Biology Letters 2: 110–112) testeten ein hydraulisches Roboter-Replikat der Kralle an Schweinekadavern. Das Ergebnis: Die Kralle erzeugte nur flache Stichwunden, keine tiefen Schlitze. Die Keratinhülle glitt über die Oberfläche, ohne tief einzudringen. Manning et al. schlossen, dass die Kralle auch als Kletterhilfe funktioniert haben könnte.
Den derzeit am breitesten akzeptierten Vorschlag lieferten Fowler, Freedman, Scannella und Kambic (2011, PLoS ONE 6(12): e28964) mit dem „Raptor Prey Restraint"-Modell (RPR). Demnach jagte Deinonychus wie heutige Greifvögel der Familie Accipitridae: Sprung auf die Beute, Festnageln durch Körpergewicht, Verankern der Sichelkralle als Haltepunkt – nicht als Schlitzwaffe. „Stability Flapping" der gefiederten Arme half, das Gleichgewicht auf der sich wehrenden Beute zu halten. Die Beute wurde vermutlich lebend gefressen. Die Fuß- und Beinanatomie von Deinonychus ähnelt dabei am stärksten der von Adlern und Habichten (vergrößerte zweite Kralle, Greifreichweite), während die Metatarsus-Stärke eher der von Eulen entspricht.