Taxonomische Wirren – Von Megalosaurus zu Tameryraptor
Die Taxonomiegeschichte des Carcharodontosaurus liest sich wie ein paläontologischer Krimi. 1924 wurden zwei isolierte Zähne im Continental Intercalaire bei Timimoun, Algerien, gefunden und 1925 von Charles Depéret und Justin Savornin als Megalosaurus saharicus beschrieben (Comptes Rendus de l'Académie des Sciences de Paris 181:1108–1111). Ernst Stromer erkannte 1931 anhand eines ägyptischen Teilskeletts (SNSB-BSPG 1922 X 46, 1914 gefunden, Bahariya Formation) die Eigenständigkeit der Gattung und errichtete Carcharodontosaurus mit der neuen Kombination C. saharicus (Abhandlungen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Math.-nat. Abt., Neue Folge 9:1–23).
In der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944 zerstörte ein alliierter Bombenangriff auf München die Bayerische Staatssammlung. Alle von Stromer gesammelten Fossilien aus der Bahariya Formation gingen verloren – neben Carcharodontosaurus auch Spinosaurus, Bahariasaurus und Aegyptosaurus. Die Originalzähne aus Algerien waren bereits zuvor verschollen.
Erst 1995 brachte Paul Serenos Expedition in die Kem Kem Beds Marokkos den Durchbruch: Der nahezu vollständige Schädel SGM-Din 1 wurde 1996 in Science beschrieben und 2007 durch Brusatte & Sereno (JVP 27(4):902–916) formal als Neotyp für C. saharicus designiert. In derselben Arbeit wurde C. iguidensis auf Basis einer partiellen Maxilla (MNN IGU2) aus der Echkar Formation, Niger, errichtet.
Die jüngste Wendung kam im Januar 2025: Kellermann, Cuesta & Rauhut (PLOS ONE 20(1):e0311096) unterzogen Stromers ägyptisches Exemplar einer Neubewertung anhand eines bisher unbeschriebenen Fotos des montierten Skeletts. Sie identifizierten zahlreiche Unterschiede zum marokkanischen Neotyp – symmetrische (nicht recurved) Zähne, ein hornartiger Auswuchs auf den Nasalia, ein relativ vergrößertes Cerebrum – und errichteten die neue Gattung Tameryraptor markgrafi. Phylogenetisch liegt Tameryraptor basal innerhalb der Carcharodontosauridae, auf Höhe von Acrocanthosaurus, und gehört damit nicht zur Unterfamilie Carcharodontosaurinae. Diese Reklassifizierung ist sehr neu und wird möglicherweise von anderen Autoren angefochten, hat aber weitreichende Konsequenzen: Fast alle postkranialen Daten, die bisher Carcharodontosaurus zugeschrieben wurden, gehören nun zu einer anderen Gattung.