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Shunosaurus lii

Shunosaurus lii

Einer der am vollstaendigsten bekannten Sauropoden der Welt — und der einzige mit einer nachgewiesenen Schwanzkeule samt Stacheln.

Im Jahr 1977 entdeckte eine Gruppe von Palaeontologie-Studenten bei einer Uebungsgrabung an einer Strassenboeschung nahe Dashanpu in der chinesischen Provinz Sichuan Knochen, die sich als einer der bedeutendsten Sauropodenfunde des 20. Jahrhunderts herausstellen sollten. Sechs Jahre spaeter beschrieben Dong Zhiming, Zhou Shiwu und Zhang Yihong die neue Gattung Shunosaurus lii — benannt nach Shu, dem antiken Namen Sichuans, und Li Bing, dem Gouverneur des 3. Jahrhunderts v. Chr., der das Dujiangyan-Bewaesserungssystem erbaute. Was diese Gattung so bemerkenswert macht, ist nicht ihre Groesse (mit 9,5 Metern war sie ein eher bescheidener Sauropode), sondern die Qualitaet des Materials: 94 Prozent aller Skelettelemente sind bekannt, darunter mehrere vollstaendige Schaedel — bei Sauropoden eine absolute Ausnahme.

Einer der am vollstaendigsten bekannten Sauropoden der Welt — und der einzige mit einer nachgewiesenen Schwanzkeule samt Stacheln.
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Koerperlaenge
Schaetzung nach Paul 2010
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Koerpermasse
Paul 2010; aeltere Schaetzungen variieren
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Hoehe
Geschaetzt; keine peer-reviewed Messung publiziert
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Skelett bekannt
Basierend auf Zhang 1988 und Zheng 2002
ANATOMIE

Die Architektur eines Jägers

Die Anatomie von Shunosaurus ist dank des aussergewoehnlich vollstaendigen Fossilmaterials besser dokumentiert als die der meisten anderen basalen Sauropoden. Ueber 20 Exemplare — Adulte, Subadulte und Juvenile — liefern ein detailliertes Bild eines Tieres, das in vieler Hinsicht von den spaeter dominierenden Neosauropoden abwich.

Schaedel und Bezahnung

Zheng (2002) beschrieb den Schaedel von Shunosaurus als akinetisch und monimostylisch — eine starre Konstruktion ohne die Gelenke, die bei einigen abgeleiteten Sauropoden eine gewisse Schaedelkinetik ermoeglichen. Das Gehirn war klein, schmal und in krokodilienartiger Weise konstruiert: Vorderhirn, Mittelhirn und Hinterhirn schmal, elongiert und seriell angeordnet, mit einer ausgepraegten Pinealflexur und einer gedaempften Ponsflexur. Der Ober- und Unterkiefer waren stark nach oben gebogen und funktionierten nach dem Scherenprinzip. Die Zaehne waren spatulat (loeffel-/schaufelfoermig) mit zylindrischem Koerper und breiter Spitze, bei einer Kronenlaenge von bis zu 8 cm. Zheng dokumentierte ueber 25 Zaehne im Dentale. Die oberen und unteren Zahnreihen interdigitierten — sie griffen ineinander und scherten aneinander vorbei, was auf die Verarbeitung grober Pflanzenkost hinweist. Der Zahnersatz erfolgte in Wellen von hinten nach vorne in alternierenden Positionen, ein Muster, das auch bei anderen basalen Sauropoden beobachtet wird.

Schwanzkeule

Das wohl bemerkenswerteste anatomische Merkmal ist die knoecherne Schwanzkeule am distalen Schwanzende. Dong, Peng und Daxi beschrieben sie 1989: Die letzten Schwanzwirbel und zugehoerigen Chevron-Knochen (Haemapophysen) sind miteinander verschmolzen und aufgeblaeht, bilden eine spindelfoermige Struktur mit zwei kegelfoermigen Osteoderm-Stacheln von je etwa 5 cm Laenge auf der Oberseite. Bei insgesamt 43 bis 45 Schwanzwirbeln diente der Schwanz als effektiver Hebel. Die Schwanzkeule von Shunosaurus war zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung einzigartig unter Sauropoden — ein Merkmal, das man bis dahin nur von Ankylosauriern kannte. Spaetere Funde zeigten jedoch, dass Schwanzkeulen bei fruehen Eusauropoden weiter verbreitet waren als zunaechst angenommen: Auch Spinophorosaurus (Afrika) und Mamenchisaurus hochuanensis trugen aehnliche Strukturen. Das deutet darauf hin, dass aktive Schwanzverteidigung ein urspruengliches Merkmal der Eusauropoda gewesen sein koennte, das bei den spaeter dominierenden Neosauropoden verloren ging.

Hals und Rumpf

Mit nur 12 kurzen Halswirbeln (mit opisthocoelen Zentren) hatte Shunosaurus einen fuer Sauropoden auffallend kurzen Hals. Zum Vergleich: Sein zeitgenoessischer Verwandter Mamenchisaurus besass 19 Halswirbel. Die kurze Halskonstruktion zeigt, dass Shunosaurus sich ueberwiegend von bodennaher Vegetation ernaehrte — ein Hinweis darauf, dass die extreme Halselongation der spaeteren Sauropoden (Diplodocus, Brachiosaurus) eine abgeleitete Spezialisierung war, kein urspruengliches Merkmal der Gruppe. Im Fossilinhalt wurden Gastrolithen (Magensteine) nachgewiesen — ein Beleg dafuer, dass Shunosaurus abgeschnittenes Pflanzenmaterial nicht kaute, sondern im Magen mechanisch zerkleinerte, aehnlich wie heutige Voegel und Krokodile.

Groessenvergleich

Mensch
Elefantenweibchen
Shunosaurus
BIOLOGIE

Lebenszyklus und Verhalten

Sozialverhalten und Oekologie

Die Dashanpu-Grube nahe Zigong lieferte ein Bild, das ungewoehnlich klar ist: Shunosaurus war der bei weitem haeufigste Dinosaurier dieser Fauna. Mehrere Individuen unterschiedlichen Alters — Adulte, Subadulte und Juvenile — wurden am selben Fundort geborgen, was auf Herdenverhalten ueber Generationen hinweg hindeutet. Die PBDB klassifiziert Shunosaurus als "gregarious" (herdenbildend).

Der Lebensraum war ein lakustrines Umfeld (Seenlandschaft) mit Sandstein und Schluffstein, an bewaldeten Flussufern und -auen des mitteljurassischen Sichuan-Beckens. Shunosaurus teilte diesen Lebensraum mit den Sauropoden Datousaurus und Omeisaurus, dem moeglicherweise omnivoren Protognathosaurus, dem kleinen Ornithopoden Xiaosaurus, dem fruehen Stegosaurier Huayangosaurus und dem Theropoden Gasosaurus — einem mittelgrossen Raubsaurier, gegen den die Schwanzkeule eine plausible Verteidigungswaffe gewesen waere.

Fortpflanzung und Ontogenese

Shunosaurus war ovipar (eierlegend), wie alle bekannten Sauropoden. Jungtier-Fossilien aus Dashanpu und dem 2021 beschriebenen Fund aus Yunyang (Chongqing) liefern ontogenetische Daten: Bei Juvenilen war die distale Breite von Radius und Fibula proportional groesser als bei Adulten, und der laterale Trochanter war noch nicht entwickelt — typische Merkmale eines wachsenden Tieres, das seine endgueltigen Proportionen noch nicht erreicht hat.

Das Yunyang-Exemplar (Tan et al. 2021, Historical Biology) ist das kleinste und juengste bekannte Shunosaurus-Individuum und wurde ueber 400 km vom Hauptfundort Dashanpu entfernt gefunden. Diese Distanz erweitert das bekannte Verbreitungsgebiet der Gattung erheblich.

Lebenserwartung

Fuer die Lebenserwartung von Shunosaurus liegen keine artspezifischen histologischen Daten vor. Allgemeine Schaetzungen fuer Sauropoden gehen von mehreren Jahrzehnten aus. Die vom Australian Museum genannte Zahl von "ueber 120 Jahren" basiert vermutlich auf allgemeinen Sauropoden-Extrapolationen und ist mit Vorsicht zu betrachten. Histologische Studien an Shunosaurus-Langknochen (Ye, Peng & Jiang 2007) liefern Hinweise auf Wachstumsraten, aber keine gesicherte Lebensspanne.

Verbreitung und Fundorte

4 bekannte Fundorte von Shunosaurus-Fossilien weltweit.

Fundort
GESCHICHTE

Die Entdeckung

-170

Shunosaurus lebt im Mittleren Jura

Shunosaurus bewohnte das mitteljurassische Sichuan-Becken (Bathonium–Callovium, ~168–161 Mio. J.) in einem lakustrinen Umfeld. Die PBDB gibt fuer das Genus einen erweiterten Bereich von Aalenium bis Oxfordium (174,7–154,8 Mio. J.) an. Er war der bei weitem haeufigste Dinosaurier der Dashanpu-Fauna.

1977

Entdeckung bei Uebungsgrabung

Eine Gruppe von Palaeontologie-Studenten entdeckte 1977 bei einer Uebungsgrabung an einer Strassenboeschung nahe Dashanpu (Zigong, Sichuan) fragmentaere Knochen, die sich als einer der bedeutendsten Sauropodenfunde des 20. Jahrhunderts herausstellen sollten.

1983

Erstbeschreibung

Dong Zhiming, Zhou Shiwu und Zhang Yihong beschrieben 1983 die neue Gattung Shunosaurus lii. Der Gattungsname referenziert Shu, den antiken Namen Sichuans; das Artepitheton lii ehrt Li Bing, den Gouverneur des 3. Jahrhunderts v. Chr., der das Dujiangyan-Bewaesserungssystem erbaute.

1989

Schwanzkeule beschrieben

Dong, Peng und Daxi beschrieben 1989 die knoecherne Schwanzkeule: verschmolzene distale Schwanzwirbel mit Chevron-Knochen (Haemapophysen) und zwei kegelfoermige Osteoderm-Stacheln von je ~5 cm. Zum Zeitpunkt der Entdeckung einzigartig unter Sauropoden — ein Merkmal, das man bis dahin nur von Ankylosauriern kannte.

2021

Jungstes Exemplar beschrieben

Tan et al. (2021, Historical Biology) beschrieben das kleinste und juengste bekannte Shunosaurus-Individuum aus Yunyang (Chongqing, PBDB col:205726), ueber 400 km nordoestlich von Dashanpu. Die ontogenetischen Daten zeigen bei Juvenilen proportional breitere distale Enden von Radius und Fibula sowie einen noch nicht entwickelten lateralen Trochanter. Der Fund erweitert das bekannte Verbreitungsgebiet der Gattung erheblich.

KONTEXT

Taxonomische Einordnung und Forschungsdebatten

Die Familienklassifikation von Shunosaurus ist seit der Erstbeschreibung umstritten. Dong (1992) ordnete ihn innerhalb der Cetiosauridae in eine eigene Unterfamilie Shunosaurinae ein. Upchurch (1995) positionierte ihn zusammen mit anderen chinesischen Jura-Sauropoden in die Euhelopodidae. Wilson (2002) loeste beide Zuordnungen auf und klassifizierte Shunosaurus als basalen Vertreter der Eusauropoda — ausserhalb der abgeleiteten Neosauropoda. Neuere phylogenetische Analysen positionieren ihn teilweise als basalen Mamenchisaurier, was eng mit der laufenden Neubewertung der Mamenchisauridae als Familie verknuepft ist. Eine eindeutige Konsens-Einordnung auf Familienebene existiert derzeit nicht.

Was Shunosaurus fuer die Forschung besonders wertvoll macht, ist die Kombination aus Vollstaendigkeit (94 % aller Skelettelemente bekannt) und Anzahl der Exemplare (ueber 20, inkl. Schaedel und verschiedene Altersstadien). Die meisten basalen Sauropoden sind nur von fragmentarischem Material bekannt. Shunosaurus ermoeglicht dadurch Studien zur intraspezifischen Variation, Ontogenese und funktionalen Morphologie, die bei anderen fruehen Sauropoden schlicht nicht moeglich sind.

Häufig gestellte Fragen zu Shunosaurus

Shunosaurus vereint mehrere Merkmale, die bei Sauropoden selten oder einzigartig sind: eine knoecherne Schwanzkeule mit Osteoderm-Stacheln, einen fuer Sauropoden ungewoehnlich kurzen Hals (12 Wirbel), nachgewiesene Gastrolithen und eine aussergewoehnliche Vollstaendigkeit des Fossilmaterials (94 % aller Skelettelemente). Die Schwanzkeule war zum Zeitpunkt der Entdeckung (1989) das erste bekannte Beispiel einer solchen Verteidigungswaffe bei Sauropoden.

Das ist umstritten. Historisch wurde Shunosaurus den Cetiosauridae (Dong 1992) oder den Euhelopodidae (Upchurch 1995) zugeordnet. Wilson (2002) positionierte ihn als basalen Eusauropoden, was derzeit die gaengigste Einordnung ist. Neuere Analysen sehen ihn teilweise als basalen Mamenchisaurier. Eine eindeutige Konsens-Zuordnung auf Familienebene fehlt.

Weil die Dashanpu-Grube bei Zigong (Sichuan) aussergewoehnlich reichhaltiges Material lieferte: ueber 20 Exemplare, darunter vollstaendige Skelette, mehrere Schaedel und verschiedene Altersstadien. Shunosaurus war der bei weitem haeufigste Dinosaurier dieser Fundstaette. Diese Materialdichte ist bei basalen Sauropoden weltweit einzigartig und ermoeglicht Studien, die bei anderen fruehen Sauropoden nicht moeglich sind.

Ja, aber sie sind selten. Nach der Entdeckung der Shunosaurus-Keule (1989) wurden aehnliche Strukturen bei Spinophorosaurus (Mittlerer Jura, Afrika) und Mamenchisaurus hochuanensis (Oberer Jura, China) beschrieben. Das deutet darauf hin, dass Schwanzkeulen bei fruehen Eusauropoden weiter verbreitet waren als zunaechst angenommen — und bei den spaeter dominierenden Neosauropoden moeglicherweise sekundaer verloren gingen.

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