Die Taxonomie von Diplodocus ist überraschend verwickelt für einen so berühmten Dinosaurier. Die Typus-Art D. longus basiert auf dem Holotyp YPM 1920 – zwei vollständige Caudalwirbel und ein Chevron aus Garden Park, Cañon City, Colorado, 1877 von Benjamin Mudge und S. W. Williston gesammelt und 1878 von Marsh beschrieben. Das Problem: Dieses fragmentäre Material besitzt nach Tschopp et al. (2015) keine eindeutigen Art-Autapomorphien und ist daher ein potenzielles nomen dubium. Tschopp & Mateus beantragten bei der ICZN (Case 3700), D. carnegii zur neuen Typus-Art zu erheben, doch der Antrag wurde 2018 abgelehnt (Opinion 2425 – drei Stimmen dafür, drei dagegen). D. longus bleibt damit die Typus-Art einer der bekanntesten Dinosaurier-Gattungen, obwohl ihr Holotyp diagnostisch fragwürdig ist.
D. carnegii, die weitaus besser bekannte Art, wurde am 4. Juli 1899 am Sheep Creek, Wyoming, entdeckt. Der Zehenknochen, der alles begann, wurde von William Reed gefunden – nicht, wie oft berichtet, von Expeditionsleiter Jacob Wortman. Wortman hielt das Tier zunächst für einen Barosaurus; William Holland am Carnegie Museum identifizierte es korrekt als Diplodocus. Hatcher beschrieb 1901 den Holotyp CM 84 und den Paratypus CM 94 als D. carnegii, benannt nach dem Mäzen Andrew Carnegie. Carnegies „Dinosaurier-Diplomatie" – hochwertige Gipsabgüsse für Museen weltweit, beginnend mit London (1905), gefolgt von Paris und Berlin (1908), Bologna, Wien und St. Petersburg (1910), La Plata (1912), Madrid (1913), Mexico City (1928), München und Vernal – machte Diplodocus zum globalen Kulturphänomen.
Die Geschichte von D. hallorum verdeutlicht die Fallstricke übereilter Superlative. David Gillette beschrieb 1991 Seismosaurus halli aus New Mexico als den „Erdbeben-Saurier" mit Längenangaben von 33 m (isometrische Skalierung) bis 39–52 m (allometrisch, von Gillette bevorzugt). Die Sensation war enorm – das größte Landtier aller Zeiten? Nicht ganz: Curtice (1996) und Herne & Lucas (2006) zeigten, dass Wirbel bei der Originalbeschreibung falsch positioniert worden waren (Caudalia 12–19 als 20–27). Die tatsächliche Größe beträgt rund 29–33 Meter – immer noch gewaltig, aber kein Rekordbrecher. 2004/2006 wurde Seismosaurus zum Junior-Synonym von Diplodocus: D. hallorum.
Taylor et al. (2025, Annals of the Carnegie Museum 91(1): 55–91) lieferten mit der ersten vollständigen Dokumentation des Carnegie-Mounts weitere Überraschungen: Der ikonische Schädel ist ein Abguss von USNM 2673, das wahrscheinlich zu Galeamopus gehört. Die Original-Vorderbeine waren Abgüsse von einem Camarasauriden (links) und Galeamopus hayi (rechts), 2007 durch skalierte Skulpturen ersetzt. Die aktuelle Mount-Länge beträgt ~26,1 m. Selbst die Geschichte des verschollenen Münchner Abgusses wurde geklärt: Er ging nicht, wie oft behauptet, beim Bombenangriff 1944 verloren – sein Verbleib ist schlicht unklar.