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Apatosaurus

Apatosaurus

Trügerische Echse, falscher Kopf, wiederbelebter Name – kaum ein Dinosaurier hat eine so verworrene Geschichte

Am 20. Oktober 1979 geschah in Pittsburgh etwas, das normalerweise keine Schlagzeilen macht: Ein Museumsskelett bekam einen neuen Kopf. Doch dieser Moment im Carnegie Museum of Natural History beendete eine fast hundertjährige Verwechslung. Fast ein Jahrhundert lang hatte Apatosaurus in den Museen der Welt mit dem falschen Schädel gestanden – einem breiten, stumpfen Camarasaurus-Kopf statt seines eigentlichen langen, schlanken Diplodocus-ähnlichen Schädels. Die Geschichte dieser Verwechslung, eingebettet in die erbitterten „Bone Wars" des 19. Jahrhunderts, ist symptomatisch für ein Tier, das schon in seinem Namen die Täuschung trägt: Apatosaurus – die trügerische Echse.

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Körperlänge
Referenzexemplar CM 3018: 21,8 m
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Gewicht
Je nach Schätzmethode (Bates et al. 2015)
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Schwanzwirbel
Schwanz = ~54 % der Gesamtlänge
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Zeitliche Einordnung
Morrison Formation, Oberer Jura
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Bis zur Adultgröße
Wachstumsrate bis 5.000 kg/Jahr (Curry 1999)
ANATOMIE

Die Architektur eines Jägers

Apatosaurus war einer der massivsten Diplodociden, mit einer Durchschnittslänge von 21 bis 23 Metern (das Referenzexemplar CM 3018 misst 21,8 m), einer Schulterhöhe von 3,5 bis 4,5 Metern und einem geschätzten Gewicht von 16.400 bis 38.200 kg je nach Schätzmethode (Bates et al. 2015). Das Einzelexemplar OMNH 1670 – ein isolierter Dorsalwirbel aus Oklahoma – deutet darauf hin, dass die größten Individuen 11 bis 30 % länger als CM 3018 gewesen sein könnten, was ein Gewicht von möglicherweise 33 Tonnen ergäbe. Diese Extrapolation basiert jedoch auf einem einzigen Knochen und ist entsprechend unsicher.

Die Schädel-Kontroverse

Die wohl berühmteste anatomische Verwechslung der Paläontologie begann 1883, als Othniel Charles Marsh eine Rekonstruktion von Apatosaurus mit einem Camarasaurus-Schädel veröffentlichte – da das Holotyp-Exemplar YPM 1860 keinen Schädel besaß. Der richtige Schädel, CM 11162, war tatsächlich schon 1909 von Earl Douglass im Carnegie Quarry entdeckt worden – in unmittelbarer Nähe des Apatosaurus-louisae-Skeletts CM 3018.

William Holland, Direktor des Carnegie Museum, erkannte bereits 1914 den Diplodocus-ähnlichen Charakter dieses Schädels und verteidigte seine Zuordnung zu Apatosaurus in einem Vortrag vor der Paleontological Society. Doch er konnte sich gegen Henry F. Osborn nicht durchsetzen und ließ die Carnegie-Montierung lieber kopflos, als den falschen Schädel aufzusetzen. Nach Hollands Tod 1932 montierte das Museumspersonal 1934 dennoch einen Camarasaurus-Schädel. Erst McIntosh und Berman lieferten 1975 erste Hinweise und 1978 den definitiven Monograph, der Holland posthum recht gab. Am 20. Oktober 1979 wurde im Carnegie Museum erstmals ein korrekter Abguss von CM 11162 auf dem Skelett montiert. Das Peabody Museum folgte 1981.

Der Peitschenschwanz

Der Schwanz von Apatosaurus machte etwa 54 % der Gesamtkörperlänge aus und bestand aus rund 82 Wirbeln, die in einer charakteristischen peitschenartigen Spitze endeten (Flagellicaudata). Die 1997 von Nathan Myhrvold populär gemachte Hypothese einer Überschall-Schwanzpeitsche wurde 2022 durch Conti, Tschopp, Mateus und Kollegen mittels 3D-Mehrkörper-Simulation widerlegt (Scientific Reports 12: 19245). Die maximale Schwanzspitzengeschwindigkeit lag bei etwa 30 m/s (100 km/h) – eindrucksvoll, aber weit unter Schallgeschwindigkeit. Haut, Sehnen und Bänder hätten den Belastungen eines Überschallknalls nicht standgehalten. Es sei allerdings angemerkt, dass Myhrvold selbst die Methodik der Widerlegung kritisiert und die Debatte nicht vollständig abgeschlossen ist.

Die tatsächliche Funktion des Schwanzes bleibt offen: Verteidigung gegen Raubtiere, intraspezifischer Kampf und – eine Hypothese von Baron (2020) – Nutzung als taktiles Kommunikationsorgan innerhalb der Herde stehen als Möglichkeiten im Raum.

Halsanatomie und Halskampf-Hypothese

Der Hals von Apatosaurus war nicht nur lang (~6 m, bestehend aus 15 Wirbeln), sondern ungewöhnlich robust: Die Halswirbel zeigen tiefe Bifurkation der Neuralfortsätze, extrem kräftige Zervikalrippen und einen dreieckigen Querschnitt – Merkmale, die Apatosaurinae von anderen Diplodociden unterscheiden. Taylor, Wedel, Naish und Engh schlugen 2015 vor, dass diese Robustheit eine Adaptation für intraspezifische Halskämpfe darstellt – analog zu See-Elefanten (Mirounga), die mit Hals und Brust aufeinanderprallen. Diese Hypothese ist allerdings als PeerJ Preprint veröffentlicht und wurde bislang nicht formal peer-reviewed.

Williams und Harris (2025, Vertebrate Anatomy Morphology Palaeontology) wiesen mittels Histologie und Mikro-CT ein supraspinales Ligament sowie interlaminar elastische Ligamente in den Halswirbeln von Diplodociden nach – passive Stützstrukturen, die den schweren Hals entlastet hätten. Diese Ligamente sind bislang bei keinem anderen Dinosaurier direkt dokumentiert.

Größenvergleich

Mensch
Elefant
Apatosaurus
BIOLOGIE

Lebenszyklus und Verhalten

Wachstum und Lebensspanne

Die Knochenhistologie von Apatosaurus liefert einige der detailliertesten Wachstumsdaten aller Sauropoden. Kristina Curry Rogers (1999, Journal of Vertebrate Paleontology 19(4): 654–665) untersuchte eine ontogenetische Serie und identifizierte drei osteogene Phasen: schnelles juveniles Wachstum (91 % der Adultgröße ohne Wachstumslinien), eine Übergangsphase zum Subadulten und langsames adultes Wachstum. Die Adultgröße wurde in nur etwa 10 Jahren erreicht – mit Spitzenwerten von bis zu 5.000 kg Gewichtszunahme pro Jahr (Lehman & Woodward 2008).

Griebeler, Klein und Sander (2013, PLoS ONE 8(6): e67012) datierten die sexuelle Reife auf 19 bis 21 Jahre. Die ältesten beprobten Individuen (SMA 0014 und BYU 601-17328) waren bei ihrem Tod 28 beziehungsweise 31 Jahre alt. Die theoretische maximale Lebensspanne wird auf 70 bis 80 Jahre geschätzt, doch kein bislang histologisch untersuchtes Exemplar hat dieses Alter annähernd erreicht. Es ist unklar, ob diese Tiere jung starben oder ob die hohen Schätzungen unrealistisch sind.

Die Größenentwicklung ist bemerkenswert: Von rund 30 cm bei Schlupf bis über 22 Metern als Adulter durchlief Apatosaurus fünf Größenordnungen – ein Verhältnis, das unter Landwirbeltieren einzigartig ist.

Ernährung und Ökologie

Apatosaurus war ein nicht-selektiver Niedrigbrowser. Die quadratische Schnauze – die zweitquadratischste unter Diplodociden nach Nigersaurus – und der Zahnverschleiß (feine subparallele Kratzer, hoher Anteil von Grübchen) deuten auf bodennahes, wenig selektives Fressen hin. Die stiftartigen Zähne dienten ausschließlich zum Abstreifen; die Nahrung wurde unzerkaut verschluckt und in einem langen Darm durch mikrobielle Fermentation aufgeschlossen.

In der Morrison-Formation koexistierte Apatosaurus mit mehreren anderen großen Sauropoden: Diplodocus, Camarasaurus und Brachiosaurus. Die Ressourcenpartitionierung erfolgte vermutlich über unterschiedliche Fresshöhen und -strategien – Apatosaurus als bodennaher Breitschnauzen-Browser, Diplodocus als mittlerer Browser, Camarasaurus als selektiver Ast-Fresser und Brachiosaurus als Hochbrowser. Apatosaurus war nach Camarasaurus der zweithäufigste Dinosaurier dieses Ökosystems.

Sozialverhalten

Mehrere Indizien sprechen für ein gregäres Verhalten. Die von Barnum Brown 1941 am Paluxy River in Texas dokumentierten Fährten zeigen parallele Sauropoden-Spuren in eine Richtung – interpretiert als Hinweis auf Herdenwanderung, wobei diskutiert wird, ob die Tiere gleichzeitig oder zeitversetzt passierten.

Auch Bonebeds mit mehreren Individuen stützen die Herden-Hypothese. Eine ungewöhnliche Idee stammt von Baron (2020): Der lange, peitschenartige Schwanz könnte als taktiles Organ zur Kontakthaltung innerhalb der Herde gedient haben. Die Hypothese ist spekulativ, aber angesichts der Schwanzlänge und der vermuteten Herdenstruktur zumindest bedenkenswert.

Verbreitung und Fundorte

8 bekannte Fundorte von Apatosaurus-Fossilien weltweit.

Fundort

8 Fundorte in 2 Ländern

Unbekannt5
USA3
GESCHICHTE

Die Entdeckung

1877

Apatosaurus benannt

Marsh beschreibt Apatosaurus ajax (American Journal of Science, s3-14(84): 514–516) basierend auf YPM 1860 aus Morrison, Colorado. Entdeckung durch Arthur Lakes & Henry C. Beckwith am 20.03.1877.

1879

Brontosaurus benannt

Marsh beschreibt YPM VP 1980 von Como Bluff, Wyoming, als neue Gattung Brontosaurus excelsus – ohne die Übereinstimmung mit Apatosaurus zu erkennen.

1883

Falscher Kopf

Marsh publiziert eine Apatosaurus-Rekonstruktion mit einem Camarasaurus-Schädel – da YPM 1860 keinen Schädel besitzt. Die Fehlzuordnung wird erst 1978/1979 offiziell korrigiert.

1903

Brontosaurus = Apatosaurus

Riggs (Field Columbian Mus. Geol. Ser. 2(4): 165–196) zeigt anhand von FMNH P25112, dass Brontosaurus ein adulter Apatosaurus ist. Nach dem Prioritätsprinzip wird Brontosaurus zum Junior-Synonym.

1979

Der richtige Kopf

Am 20.10.1979 wird im Carnegie Museum erstmals ein Abguss von CM 11162 auf dem A.-louisae-Skelett CM 3018 montiert. McIntosh & Berman (1975/1978) hatten den bereits 1909 von Douglass entdeckten und 1914 von Holland korrekt identifizierten Schädel definitiv zugeordnet.

2015

Brontosaurus lebt wieder?

Tschopp, Mateus & Benson (PeerJ 3: e857): 477 Merkmale, 81 OTUs, 49 Diplodocidae → Brontosaurus als eigene Gattung rehabilitiert (B. excelsus, B. parvus, B. yahnahpin). Nicht von allen Paläontologen akzeptiert; Stand 2023 verwenden einige weiterhin Apatosaurus als Oberbegriff.

2022

Peitschenknall widerlegt

Conti, Tschopp, Mateus et al. (Scientific Reports 12: 19245) widerlegen mittels 3D-Mehrkörper-Simulation die Überschall-Schwanzpeitsche (Myhrvold 1997): max. 30 m/s (100 km/h). Myhrvold kritisiert die Methodik; die Debatte ist nicht vollständig abgeschlossen.

-155

Apatosaurus lebt

Apatosaurus im Kimmeridgium–frühen Tithonium (155–148 Mya) der Morrison-Formation. Koexistenz mit Diplodocus, Camarasaurus und Brachiosaurus durch Fresshöhen-Differenzierung. Zweithäufigster Dinosaurier des Ökosystems.

KONTEXT

Entdeckung, Bone Wars und die Brontosaurus-Frage

Die Geschichte von Apatosaurus ist untrennbar mit den „Bone Wars" verbunden – dem erbitterten Wettstreit zwischen Othniel Charles Marsh und Edward Drinker Cope, der die amerikanische Paläontologie des späten 19. Jahrhunderts prägte. Am 20. März 1877 entdeckten Arthur Lakes und Henry C. Beckwith Fossilien in Morrison, Colorado. Lakes schickte Material an beide Rivalen. Marsh benannte die Gattung Apatosaurus ajax noch im selben Jahr (American Journal of Science, s3-14(84): 514–516). 1879 beschrieb Marsh ein größeres Skelett von Como Bluff, Wyoming, als neue Gattung Brontosaurus excelsus – ohne zu erkennen, dass es sich um ein älteres, vollständiger erhaltenes Exemplar derselben Gruppe handelte.

1903 zeigte Elmer Riggs vom Field Museum anhand des Exemplars FMNH P25112, dass Brontosaurus lediglich ein adulter Apatosaurus war. Nach den Regeln der zoologischen Nomenklatur hat der ältere Name Priorität – Brontosaurus wurde zum Synonym. Doch der populärere Name lebte in der Öffentlichkeit weiter: „Brontosaurus" blieb jahrzehntelang geläufiger als der korrekte „Apatosaurus". 2015 veröffentlichten Tschopp, Mateus und Benson (PeerJ 3: e857) eine umfassende Analyse von 477 Merkmalen über 81 taxonomische Einheiten, darunter 49 Diplodocidae. Ihr Ergebnis: Brontosaurus unterscheidet sich hinreichend von Apatosaurus und verdient den Status einer eigenen Gattung. Drei Arten – B. excelsus, B. parvus, B. yahnahpin – werden Brontosaurus zugeordnet, Apatosaurus behält A. ajax und A. louisae. Diese Trennung wird allerdings nicht von allen Paläontologen akzeptiert. Stand 2023 verwenden einige Forscher weiterhin Apatosaurus als Oberbegriff. Die Debatte ist nicht abgeschlossen.

Apatosaurus ist ausschließlich aus der Morrison-Formation in Nordamerika bekannt – ein Endemismus, der angesichts der weiten Verbreitung anderer Diplodociden (Diplodocus, Dicraeosaurus, Tornieria auf verschiedenen Kontinenten) auffällt. Die jüngste Forschung konzentriert sich auf Detailfragen: die Pneumatisierung der Rippen (King et al. 2024), das Ligamentsystem im Hals (Williams & Harris 2025) und Bissspuren von Theropoden – vermutlich Allosaurus – auf Apatosaurus-Knochen (Lei et al. 2023, PeerJ 11: e16327).