
Baryonyx
Der vollständigste Spinosauride der Welt – und der erste Dinosaurier, bei dem Fischfressen direkt nachgewiesen wurde.
Im Januar 1983 stieß der Hobbysammler und Klempner William J. Walker in der Smokejack Clay Pit bei Ockley, Surrey, auf eine einzelne gewaltige Klaue. Was er nicht ahnte: Der Fund würde das Verständnis einer ganzen Dinosaurierfamilie revolutionieren. Das zugehörige Skelett, im Februar desselben Jahres entdeckt und von Mai bis Juni durch ein Team des Natural History Museum London geborgen, erwies sich als der vollständigste Spinosauride weltweit – und lieferte den ersten direkten Beweis dafür, dass manche Theropoden tatsächlich Fische fraßen.
Die Architektur eines Jägers
Der Holotyp NHMUK PV R9951 umfasst rund 65 % des Skeletts, darunter den Großteil des Schädels, Wirbel, Rippen und die namensgebende Daumenklaue. Ob das Tier ausgewachsen war, ist allerdings umstritten: Nicht-fusionierte Neurocentral-Nähte deuten auf ein subadultes Individuum hin, während das fusionierte Sternum eher auf Reife hinweist. Paedomorphose – die Beibehaltung juveniler Merkmale im Erwachsenenalter – könnte diesen Widerspruch erklären. Falls der Holotyp tatsächlich subadult war, dürfte ein ausgewachsener Baryonyx deutlich über 10 Meter erreicht haben.
Schädel und Bezahnung
Der Schädel war rund 91 cm lang, schmal und krokodilförmig – eine konvergente Entwicklung zu modernen Gavialen (Ghariale). An der Schnauzenspitze saßen die Prämaxillarzähne in einer „Rosette", die das Festhalten glitschiger Beute erleichterte. Ein scharfer Knick zwischen Schnauze und hinterem Schädel verhinderte das Entkommen der Beute – ein Prinzip, das auch bei modernen Krokodilen funktioniert. Die Bezahnung war bemerkenswert: Mindestens 96 konische Zähne, neuere Schätzungen gehen von 106 bis 108 aus, verteilt auf 12–14 Prämaxillarzähne, etwa 30 Maxillarzähne und 64 Dentarzähne (32 pro Seite). Das bedeutet: Im Unterkiefer steckten doppelt so viele Zähne wie im Oberkiefer – eine unter Theropoden äußerst seltene Verteilung. Die Zähne waren leicht zurückgebogen, seitlich abgeflacht und mit feinen Serrationen versehen (6–8 Dentikel pro mm). Einige trugen 6–8 Rillen an der Innenseite. Barker et al. (2023, Journal of Anatomy, doi:10.1111/joa.13837) untersuchten per CT-Scan die Gehirnkästen von Baryonyx und dem verwandten Ceratosuchops. Das Ergebnis war überraschend: Trotz der stark modifizierten Schädelform besaßen Baryonychinen konservative, „generische" Theropoden-Gehirne. Die Hörfrequenzen lagen bei 1.400–1.600 Hz – im mittleren Bereich, nicht im tiefen Frequenzspektrum, wie manchmal behauptet. Der Riechkolben war durchschnittlich groß. Spätere Spinosaurinae wie Irritator entwickelten höhere Hörfrequenzen, was auf eine fortschreitende sensorische Spezialisierung innerhalb der Familie hindeutet.
Die Daumenklaue und Vordergliedmaßen
Die namensgebende Klaue am ersten Finger (Ungual I) maß 31 cm im Knochenkern – mit der Keratinscheide war sie noch länger. Die Arme waren für einen Theropoden ungewöhnlich kräftig und relativ lang, mit kurzem, breitem Humerus und robuster Ulna mit kräftigem Olecranon-Fortsatz. Eine Pronation der Hände (das Drehen der Handflächen nach unten) war wahrscheinlich nicht möglich (Hone & Holtz 2017), was die populäre Vorstellung des „nach vorne greifenden" Fischfängers einschränkt. Über die genaue Funktion der Klaue wird diskutiert: Das populärste Modell ist das „Gaffing" – das Aufspießen von Fischen, analog zu Grizzlybären, die Lachse mit den Tatzen schlagen. Kitchener (1987) schlug alternativ vor, dass Baryonyx ein Aasfresser war, der die Klauen zum Öffnen von Kadavern nutzte. Wahrscheinlich hatte die Klaue mehrere Funktionen, darunter allgemeine Beutemanipulation.
Körperbau und Fortbewegung
Mit geschätzten 9,5 bis 10 Metern Länge (adult) und einem Gewicht von 1.200 bis 2.000 kg war Baryonyx ein mittelgroßer Theropode. Er bewegte sich biped fort, seine Hüfthöhe lag bei etwa 2,5 Metern. Anders als Spinosaurus besaß er keine paddelartigen Hinterfüße und keinen flossenartigen Schwanz – seine Anpassungen ans Wasser waren subtiler. Die dichten, fast kompakten Knochen, die Fabbri et al. (2022, Nature) bei Baryonyx und Spinosaurus nachwiesen, deuten auf Tauchfähigkeit hin – ähnlich wie bei modernen tauchenden Tieren wie Pinguinen oder Flusspferden. Der verwandte Suchomimus aus Niger besaß hingegen hohle Knochen wie typische Landräuber. Allerdings stellten Myhrvold, Sereno et al. (2024, PLoS ONE, doi:10.1371/journal.pone.0298957) die statistische Methodik (pFDA) dieser Analyse grundlegend infrage und identifizierten Probleme mit Datenüberlappung und ökologischen Fehlschlüssen. Die Debatte ist nicht abgeschlossen.
Größenvergleich
Lebenszyklus und Verhalten
Ernährung – Der erste Nachweis von Piscivorie
Die 1997 publizierte Monographie von Charig & Milner (Bulletin of the Natural History Museum, Geology, 53: 11–70) beschrieb erstmals detailliert den Mageninhalt des Holotyps: säuregeätzte Schuppen und Zähne des Fisches Scheenstia mantelli (früher Lepidotes) sowie Knochen eines juvenilen Iguanodontiden. Damit war Baryonyx der erste Theropode, bei dem Fischfressen direkt nachgewiesen werden konnte.
Doch das Bild des „reinen Fischfressers" ist zu einfach. Der Mageninhalt enthielt eben auch terrestrische Beute. Cuff & Rayfield (2013, PLoS ONE 8(5): e65295) verglichen die Schädelbiomechanik von Baryonyx und Spinosaurus per Finite-Elemente-Analyse mit drei modernen Krokodilarten. Ergebnis: Der Baryonyx-Schädel verhielt sich biomechanisch anders als ein Gharial-Schädel. Die Ernährung war vermutlich größenabhängig – kleinere Individuen jagten primär Fische, größere auch terrestrische Beute. Baryonyx war ein opportunistischer Generalist, kein spezialisierter Piscivore.
Lebensraum und Ökologie
Die Weald Clay Formation in Surrey datiert auf das Barremium (130–125 Ma). Zur Lebenszeit des Baryonyx war Südengland eine Landschaft aus Flüssen, Seen und Lagunen mit warmem, zeitweise aridem Klima – vergleichbar mit dem heutigen Mittelmeerraum. Die Gewässer beherbergten eine reiche Fischfauna sowie Haie und Krokodile.
Amiot et al. (2010) analysierten Sauerstoffisotopen in Spinosauriden-Zähnen und fanden Werte, die auf eine semiaquatische Lebensweise hindeuten – vergleichbar mit modernen Krokodilen und Flusspferden. Dies ist der robusteste Befund zur Lebensweise von Baryonyx, da er nicht von den methodischen Problemen der späteren Knochendichte-Studien betroffen ist. Baryonyx teilte seinen Lebensraum mit Iguanodon, diversen Krokodilen und Pterosauriern.
Fortpflanzung und Lebenserwartung
Über die Fortpflanzung von Baryonyx gibt es keine direkten Fossilien – weder Eier noch Nester sind bekannt. Die Wachstumsrate des Holotyps verlangsamte sich im Alter von geschätzten 13 bis 15 Jahren, was auf das Erreichen der Geschlechtsreife hindeutet.
Die maximale Lebenserwartung lässt sich nur grob schätzen. Basierend auf vergleichbar großen Theropoden könnte sie bei etwa 25 bis 35 Jahren gelegen haben, doch dies ist spekulativ und nicht durch Knochenhistologie von Baryonyx selbst belegt.
Verbreitung und Fundorte
6 bekannte Fundorte von Baryonyx-Fossilien weltweit.
6 Fundorte in 2 Ländern
Die Entdeckung
Entdeckung
William J. Walker stieß in der Smokejack Clay Pit bei Ockley auf eine einzelne gewaltige Klaue. Im Februar wurde das zugehörige Skelett entdeckt, von Mai bis Juni barg ein Museumsteam 2 Tonnen Gestein in 54 Blöcken. Mit ~65 % Erhaltung ist es der vollständigste Spinosauride weltweit.
Erstbeschreibung
Charig und Milner beschrieben Baryonyx walkeri (Nature 324: 359–361) und erkannten die Zugehörigkeit zu einer neuen Unterfamilie krokodilschnäuziger Theropoden.
Mageninhalt beschrieben
Die Monographie von Charig und Milner (Bull. NHM London, Geology, 53: 11–70) dokumentierte den Mageninhalt: säuregeätzte Schuppen und Zähne von Scheenstia mantelli sowie Knochen eines juvenilen Iguanodontiden – der erste direkte Nachweis von Piscivorie bei einem Theropoden.
Isotopen-Analyse
Amiot et al. analysierten Sauerstoffisotopen in Spinosauriden-Zähnen und fanden Werte konsistent mit semiaquatischer Lebensweise – der bis heute robusteste Befund zur Ökologie der Gruppe.
Schädelbiomechanik
Cuff und Rayfield (PLoS ONE 8(5): e65295) verglichen per Finite-Elemente-Analyse die Schädelbiomechanik von Baryonyx und Spinosaurus mit drei Krokodilarten. Ergebnis: Der Baryonyx-Schädel verhielt sich anders als ein Gharial – die Ernährung war größenabhängig und opportunistisch.
Neue Verwandte
Barker et al. (Scientific Reports 11: 19340) beschrieben Ceratosuchops inferodios und Riparovenator milnerae von der Isle of Wight und rekonstruierten einen europäischen Ursprung der Spinosauridae mit mindestens zwei Ausbreitungsereignissen nach Afrika.
Knochendichte-Debatte
Fabbri et al. (Nature) wiesen bei Baryonyx und Spinosaurus osteosklerotische Knochen nach, konsistent mit Tauchfähigkeit. Myhrvold, Sereno et al. (2024, PLoS ONE) stellten die pFDA-Methodik grundlegend infrage und identifizierten Probleme mit Datenüberlappung und ökologischen Fehlschlüssen.
Gehirn-CT-Scan
Barker et al. (J. Anatomy, doi:10.1111/joa.13837) untersuchten per CT-Scan die Gehirnkästen von Baryonyx und Ceratosuchops: trotz modifizierter Schädelform konservative Theropoden-Gehirne, Hörfrequenzen bei 1.400–1.600 Hz (mittlerer Bereich), durchschnittliche Riechkolben.
Die Baryonychinae-Revolution der 2020er Jahre
Jahrzehntelang war Baryonyx walkeri der einzige gut bekannte Vertreter seiner Unterfamilie. Material aus Spanien und Portugal wurde pauschal der Gattung zugeordnet. Seit 2021 hat sich das Bild dramatisch gewandelt: Barker et al. (2021, Scientific Reports 11: 19340) beschrieben von der Isle of Wight gleich zwei neue Baryonychinen – Ceratosuchops inferodios und Riparovenator milnerae, letzterer benannt zu Ehren der 2021 verstorbenen Angela Milner. 2022 wurde portugiesisches Material, das zuvor als Baryonyx galt, als Iberospinus natarioi beschrieben (Mateus & Estraviz-López). 2024 folgte Riojavenatrix lacustris aus Spanien – ein weiterer ehemaliger „Baryonyx", der sich als eigenständige Gattung entpuppte. Dazu kommt Protathlitis cinctorrensis (2023) aus Spanien.
Diese Diversitätsexplosion zeigt: Europa war im Barremium ein Zentrum der Spinosauriden-Evolution. Barker et al. (2021) rekonstruierten einen europäischen Ursprung der Spinosauridae mit mindestens zwei unabhängigen Ausbreitungsereignissen nach Afrika. Das populäre Bild der Spinosauriden als „afrikanische" Dinosaurier muss revidiert werden – auch wenn sich diese paläogeographische Hypothese mit künftigen Funden noch ändern könnte.
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