
Majungasaurus
Der Kannibale von Madagaskar
Verwechselt, verkannt und kannibalistisch
Majungasaurus crenatissimus ist einer der faszinierendsten Raubsaurier der Kreidezeit — und einer mit einer verrueckten Forschungsgeschichte. Erst hielt man ihn fuer einen Megalosaurus. Dann fuer einen Dickschaedel-Saurier (Pachycephalosaurier). Am Ende stellte sich heraus: Er war ein Abelisauride — ein Verwandter von Carnotaurus aus Suedamerika.
Er lebte vor etwa 70 Millionen Jahren auf Madagaskar, das damals schon eine Insel war. Als einziger grosser Fleischfresser hatte er keine Konkurrenz. Und dann kam die groesste Ueberraschung: 2003 fanden Forscher Bissspuren auf Majungasaurus-Knochen — verursacht von einem anderen Majungasaurus. Der erste bewiesene Fall von Kannibalismus bei einem Raubsaurier.
Sein Name bedeutet "Echse aus Mahajanga" (einer Stadt in Nordwest-Madagaskar). Das Artepitheton "crenatissimus" heisst "am staerksten gekerbt" und beschreibt die markanten Kerbungen an seinen Zaehnen.
Anatomie – Gebaut zum Jagen
Der Kopf-Hoecker
Auf der Schaedeldecke von Majungasaurus sass ein verdickter Knochenwulst. 1979 hielt man ihn fuer die Schaedelkuppel eines Pachycephalosauriers — das waere der erste auf der Suedhalbkugel gewesen! Erst 1998 zeigte ein fast vollstaendiger Schaedel: Der Wulst gehoert zu einem Abelisauriden. Der Schaedel war kurz und hoch (~60 cm lang) — ganz anders als bei den langschnauzigen Raubsauriern wie T. rex.
Kuemmerliche Arme
Die Arme von Majungasaurus waren noch kuemmerlicher als die von T. rex! Der Unterarm (Radius und Ulna) war nur ein Viertel so lang wie der Oberarm — insgesamt nur etwa 25 cm. Forscher rekonstruierten 2012 die Muskulatur und stellten fest: Diese Arme waren funktionell nutzlos. Warum Abelisauriden ihre Arme so extrem reduzierten, ist ein ungeloestes Raetsel.
Turbo-Zahnwechsel
Majungasaurus ersetzte seine Zaehne alle 56 Tage — 2 bis 13 Mal schneller als andere untersuchte Raubsaurier. Das entdeckten Forscher 2019 durch mikroskopische Analyse von Zahnduennschliffen. Der Grund: Majungasaurus frass vermutlich auch Knochen, was die Zaehne schnell abnutzte. Er hatte insgesamt etwa 76 Zaehne (38 pro Seite).
Kannibalismus-Beweis
2003 fanden Forscher auf Majungasaurus-Knochen Bissspuren, die nur von einem Tier stammen konnten: einem anderen Majungasaurus. Da er der einzige grosse Raubsaurier auf Madagaskar war, gibt es keine andere Erklaerung. Das war der erste bewiesene Fall von Kannibalismus bei einem Raubsaurier. Ob er Artgenossen jagte oder nur tote Tiere frass, ist unklar.
Groessenvergleich
Leben und Verhalten
Ernaehrung
Majungasaurus war der Spitzenraeuber seines Oekosystems. Er jagte vermutlich den Titanosaurier Rapetosaurus, den einzigen grossen Pflanzenfresser in seiner Umgebung.
Sein schneller Zahnwechsel (alle 56 Tage) deutet darauf hin, dass er auch Knochen frass. Die Beisskraft wird auf etwa 7.845 Newton geschaetzt — das ist weniger als ein T. rex, aber fuer seine Groesse beachtlich.
SpitzenraeuberFortpflanzung
Wie alle Dinosaurier legte Majungasaurus Eier. Fossilien verschiedener Altersstadien wurden in der Maevarano-Formation gefunden.
Zur genauen Brutpflege oder Gelegegroesse liegen keine Daten vor.
NachwuchsLebensraum
Majungasaurus lebte auf Madagaskar, das vor 70 Millionen Jahren schon eine Insel war. Das Klima war warm und halbtrocken (semiarid).
Er teilte seinen Lebensraum mit dem Sauropoden Rapetosaurus, dem kleinen Theropoden Masiakasaurus, Krokodilen und fruehen Saeugetieren. Als groesster Raeuber hatte er keine ernsthaften Konkurrenten.
Insel-OekosystemVerwechslungsgeschichte
Majungasaurus hat eine der verruecktesten Forschungsgeschichten aller Dinosaurier. 1896 hielt man ihn fuer einen Megalosaurus. 1979 wurde ein Stueck seiner Schaedeldecke als Pachycephalosaurier beschrieben.
Erst 1996 brachte ein fast vollstaendiger Schaedel die Wahrheit: Majungasaurus war ein Abelisauride. 2007 wurde 'Majungatholus atopus' offiziell als anderer Name fuer dieselbe Art anerkannt.
ForschungskrimiFundorte
Die Geschichte der Entdeckung
Majungasaurus lebt auf Madagaskar
Vor etwa 70 Millionen Jahren war Majungasaurus der groesste Raeuber auf Madagaskar. Die Insel war damals schon vom Festland getrennt. Er war der einzige grosse Fleischfresser weit und breit — und jagte vermutlich den grossen Sauropoden Rapetosaurus.
56-Tage-Zahnwechsel entdeckt
2019 untersuchten D'Emic und sein Team duenne Scheiben von Majungasaurus-Zaehnen unter dem Mikroskop. Sie entdeckten: Majungasaurus ersetzte seine Zaehne alle 56 Tage! Das ist 2 bis 13 Mal schneller als bei anderen Raubsauriern. Kein Wunder — seine Zaehne nutzten sich beim Knochenfressen schnell ab.
Armmyologie rekonstruiert
2012 rekonstruierten Burch und Carrano die Armmuskulatur von Majungasaurus. Das Ergebnis: Seine Arme waren noch kuemmerlicher als die von T. rex! Der Unterarm (Radius und Ulna) war nur ein Viertel so lang wie der Oberarm — praktisch unbrauchbar.
SVP Memoir 8 — Monographie
2007 erschien eine umfassende Monographie ueber Majungasaurus im Journal of Vertebrate Paleontology. In diesem Buch wurde auch offiziell bestaetigt: 'Majungatholus atopus' ist nur ein anderer Name fuer Majungasaurus crenatissimus. Die Verwechslung war endgueltig aufgeklaert.
Kannibalismus-Nachweis
2003 machten Rogers und Kollegen eine schockierende Entdeckung: An Majungasaurus-Knochen fanden sie Bissspuren — und die Zahnabdruecke passten nur zu einem Tier: Majungasaurus selbst! Das war der erste Beweis fuer Kannibalismus bei einem Raubsaurier. Warum er Artgenossen frass, ist unklar — vielleicht bei Nahrungsknappheit.
Abelisauridae-Zuordnung publiziert
1998 veroeffentlichten Sampson und sein Team in der Zeitschrift Nature ihre Ergebnisse: 'Majungatholus' war kein Pachycephalosaurier, sondern ein Abelisauride. Damit gehoerte er zur selben Familie wie Carnotaurus aus Argentinien — Raubsaurier mit winzigen Armen und kraeftigen Koepfen.
Fast vollstaendiger Schaedel gefunden
1996 entdeckte das Mahajanga Basin Project einen fast vollstaendigen Schaedel (FMNH PR 2100). Dieser Fund veraenderte alles: Majungasaurus war kein Dickschaedel, sondern ein Abelisauride — ein Verwandter von Carnotaurus aus Suedamerika!
Stony-Brook-Expeditionen beginnen
1993 begann ein Team unter David Krause und Scott Sampson systematische Grabungen in der Maevarano-Formation auf Madagaskar. In den folgenden Jahren fanden sie sensationelles Material — darunter einen fast vollstaendigen Schaedel.
Fehlbestimmung als Pachycephalosaurier
1979 fanden Hans-Dieter Sues und Philippe Taquet auf Madagaskar ein Stueck Schaedeldecke mit einem Knochenwulst. Sie hielten es fuer den Dickschaedel eines Pachycephalosauriers und nannten ihn 'Majungatholus atopus'. Es waere der erste Pachycephalosaurier der Suedhalbkugel gewesen — eine Sensation! Doch es war ein Irrtum.
Lavocat errichtet Majungasaurus
1955 erkannte der franzoesische Palaentologe Rene Lavocat, dass das Material aus Madagaskar zu keiner bekannten Gattung gehoerte. Er errichtete den neuen Namen Majungasaurus — benannt nach der Stadt Mahajanga (frueherer Kolonialname: Majunga).
Erstbeschreibung als Megalosaurus
1896 beschrieb der franzoesische Palaentologe Charles Deperet einen Unterkieferknochen aus Madagaskar als 'Megalosaurus crenatissimus'. Das Material war waehrend der franzoesischen Kolonialzeit gesammelt worden. Deperet erkannte nicht, dass es sich um eine voellig neue Dinosaurier-Gattung handelte.
Wachstumsstudie publiziert
2020 untersuchten Marsicano und Kollegen Knochenduennschnitte und schaetzten, dass Majungasaurus etwa 27 Jahre alt werden konnte. Die Wachstumsrate war niedriger als bei T. rex — Majungasaurus wuchs langsamer als die grossen Raubsaurier anderer Kontinente.
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