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dinos.life

Pterosauria - Anatomie und Evolution

Die ersten fliegenden Wirbeltiere

Die Pterosauria stellen die erste Gruppe von Wirbeltieren dar, die den aktiven, motorisierten Flug entwickelten – etwa 80 Millionen Jahre vor den Vögeln. Als Schwestergruppe der Dinosauromorpha innerhalb der Avemetatarsalia gehören sie zwar zu den Archosauria, sind aber keine Dinosaurier.

Taxonomie

Systematik

Die Pterosauria werden traditionell in zwei Gruppen unterteilt: die basalen, langschwänzigen **Rhamphorhynchoidea** (paraphyletisch) und die abgeleiteten, kurzschwänzigen **Pterodactyloidea** (monophyletisch).

Anatomie

Anatomische Besonderheiten

Flugapparat

Die Flugmembran (Patagium) erstreckte sich vom stark verlängerten vierten Finger bis zum Körper und den Hinterbeinen. Zusätzlich existierte ein Propatagium vor dem Arm.

Skelettanpassungen

Pneumatisierte (hohle) Knochen reduzierten das Gewicht erheblich. Das Brustbein war vergrößert für die Ansatzfläche der Flugmuskulatur.

Pteroid

Ein einzigartiger Knochen am Handgelenk, der das Propatagium spannte und die Flugkontrolle verbesserte.

Arten

Arten

Pterodactylus antiquus

Pterodactyloidea: Pterodactylidae

Zeitraum: Kimmeridgium-Tithonium, 150-148 Ma
Typlokalität: Solnhofen Limestone, Bayern, Deutschland
Holotyp: BSP AS I 739
Spannweite: 1,0-1,5 m
Geschätzte Masse: 1-5 kg

Pterodactylus war der erste wissenschaftlich beschriebene Pterosaurier (Collini 1784, Cuvier 1809). Der Gattungsname bedeutet "Flügelfinger" und wird im Deutschen oft fälschlicherweise als Synonym für alle Flugsaurier verwendet. Mit seinem kurzen Schwanz und verlängerten Metacarpus repräsentiert er die Pterodactyloidea.

Paläobiologie: Die Ernährung war vermutlich opportunistisch und umfasste Fische, Wirbellose und Insekten. Zahlreiche ontogenetische Stadien sind aus den Solnhofener Plattenkalken bekannt, was detaillierte Wachstumsstudien ermöglicht.

Pteranodon longiceps

Pterodactyloidea: Pteranodontidae

Zeitraum: Campanium, 86-84 Ma
Typlokalität: Smoky Hill Chalk, Kansas, USA
Holotyp: YPM 1177
Spannweite: 6-7 m
Geschätzte Masse: 20-25 kg

Pteranodon ist eine der am besten bekannten Pterosaurier-Gattungen mit über 1.000 bekannten Exemplaren. Charakteristisch ist der zahnlose Schnabel und der posteriore Schädelkamm, dessen Form stark zwischen den Geschlechtern variierte (Sexualdimorphismus).

Paläobiologie: Vermutlich ein pelagischer Fischfresser mit einem Lebensstil ähnlich moderner Fregattvögel. Die Morphologie deutet auf dynamisches Segelfliegen über offenen Gewässern hin.

Quetzalcoatlus northropi

Pterodactyloidea: Azhdarchidae

Zeitraum: Maastrichtium, 68-66 Ma
Typlokalität: Javelina Formation, Texas, USA
Holotyp: TMM 41450-3
Spannweite: 10-12 m
Geschätzte Masse: 200-250 kg

Quetzalcoatlus zählt zu den größten bekannten Flugtieren. Als Azhdarchide besaß er einen extrem langen Hals und einen zahnlosen Schnabel. Benannt nach der aztekischen Gottheit Quetzalcoatl.

Paläobiologie: Aktuelle Hypothesen favorisieren eine terrestrische Lebensweise mit Jagd auf kleine Wirbeltiere ("terrestrial stalker hypothesis") über die früher angenommene Fischfresser-Ökologie.

Dimorphodon macronyx

Rhamphorhynchoidea: Dimorphodontidae

Zeitraum: Sinemurium-Pliensbachium, 195-190 Ma
Typlokalität: Blue Lias, Lyme Regis, England
Holotyp: NHMUK PV R 1034
Spannweite: 1,4-1,5 m
Geschätzte Masse: 1-2 kg

Dimorphodon ist ein basaler Pterosaurier mit einem proportional großen Schädel und heterodontaler Bezahnung (unterschiedliche Zahnformen). Die Erstbeschreibung erfolgte 1829 durch Mary Anning.

Paläobiologie: Die Ernährungsweise ist umstritten. Hypothesen reichen von Insektivorie über Piscivorie bis zu einer generalistischen Diät.

Rhamphorhynchus muensteri

Rhamphorhynchoidea: Rhamphorhynchidae

Zeitraum: Kimmeridgium-Tithonium, 150-148 Ma
Typlokalität: Solnhofen Limestone, Bayern, Deutschland
Spannweite: 1,8 m
Geschätzte Masse: 1-2 kg

Rhamphorhynchus ist durch über 100 außergewöhnlich erhaltene Exemplare aus den Solnhofener Plattenkalken bekannt. Charakteristisch sind der lange Schwanz mit terminaler Vane und die nach vorne gerichteten Zähne.

Paläobiologie: Piscivore Lebensweise ist durch Mageninhalt-Fossilien mit Fischknochen nachgewiesen. Die Schwanzvane diente wahrscheinlich als Stabilisator beim Flug.
Evolution

Evolutionsgeschichte

Die ältesten bekannten Pterosaurier stammen aus der späten Trias (ca. 228 Ma). Sie erscheinen fossil bereits als vollständig flugfähige Formen, was die Rekonstruktion der Evolution des Pterosaurier-Flugs erschwert. Während des Jura diversifizierten sich die Rhamphorhynchoidea, bevor sie in der Kreide von den Pterodactyloidea abgelöst wurden. Die letzten Pterosaurier (Azhdarchidae) gehörten zu den größten Flugtieren aller Zeiten.

Aussterben

Die Pterosauria starben am Ende der Kreidezeit (66 Ma) im Zuge des Massenaussterbens an der K-Pg-Grenze aus. Interessanterweise war ihre Diversität bereits vor dem Einschlag rückläufig – nur wenige Familien (v.a. Azhdarchidae) überlebten bis zum Ende.