Mei long

Kenndaten
| Körperlänge | 33–53 cmJuveniler Holotyp: 53 cm; adultes Exemplar nur 32,5–40 cm (ungewöhnlich kleiner) |
| Gewichtsschätzung | ~420 gAus Sekundärquellen (AMNH); keine formale Massenschätzung in der Primärliteratur |
| Zeitliche Einordnung | 125,5–125,8 MaLujiatun-Schichten, Barremium (Zhong et al. 2021); ältere Angaben von 128–139 Ma überholt |
| Bekannte Exemplare | 2Holotyp IVPP V12733 (juvenil) und DNHM D2154 (adult); beide in Schlafpose |
| Somatische Reife | >2 JahreHistologie des adulten Exemplars: LAG + Lamellarband = verlangsamtes Wachstum |
Als Xu Xing und Mark Norell 2004 in Nature ein kaum 53 Zentimeter langes Troodontiden-Skelett beschrieben, das in einer perfekten vogelartigen Schlafpose erhalten war, lieferten sie einen der eindrucksvollsten Belege dafür, dass sich grundlegende Verhaltensweisen moderner Vögel bis weit in die Dinosaurier-Stammesgeschichte zurückverfolgen lassen. Mei long — der "schlafende Drache" — ist seitdem nicht nur ein Aushängeschild der Jehol-Biota, sondern auch ein Paradebeispiel für die Verknüpfung von Taphonomie und Verhaltensrekonstruktion. Dass dieser Dinosaurier ausgerechnet den kürzesten Gattungsnamen aller Dinosaurier trägt (drei Buchstaben), passt zu seiner bescheidenen Größe — aber nicht zu seiner Bedeutung.
Anatomie
Mei long ist durch zwei Exemplare aus den Lujiatun-Schichten der Yixian-Formation bekannt (Barremium, ~125,5–125,8 Ma nach Zhong et al. 2021). Der Holotyp (IVPP V12733) ist ein nahezu vollständiges Juvenil-Skelett von etwa 53 cm Länge; das zweite Exemplar (DNHM D2154) ist histologisch adult, aber mit 32,5–40 cm deutlich kleiner. Beide sind dreidimensional in vulkanoklastischem Tuff erhalten — eine Seltenheit, die auf schnelle Verschüttung hinweist.
Die Schlafpose — ein fossiler Verhaltensbeweis
Beide Exemplare zeigen eine kompakte Ruhestellung: Die Schnauze ist unter einem Vorderarm verborgen (Holotyp: rechter Arm; DNHM D2154: spiegelbildlich), die Hinterbeine sind unter den Körper gefaltet, der flexible Schwanz umschlingt den Rumpf. Diese Haltung ist identisch mit der "tuck-in"-Position schlafender Vögel und minimiert das Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnis — eine Strategie zur Wärmespeicherung. Xu und Norell argumentierten 2004, dass diese Pose die Endothermie-Hypothese für kleine Maniraptora stütze: Ein wechselwarmes Tier hätte keinen Grund, aktiv Wärme zu konservieren. Die Tatsache, dass zwei unabhängige Exemplare dieselbe Haltung zeigen, spricht gegen eine zufällige Todespose und für ein artspezifisches, stereotypes Ruheverhalten. 2024 wurde mit Hypnovenator aus dem Albium Japans ein weiterer Troodontide in ähnlicher Pose beschrieben, was die geographische und zeitliche Reichweite dieses Verhaltens erweitert (Scientific Reports 2024). Der berühmtere, aber nicht der erste Fund: Sinornithoides youngi aus der Inneren Mongolei (Russell & Dong 1993/1994) wurde ebenfalls in einer eingekauerten Pose gefunden, allerdings weniger eindeutig erhalten.
Schädel und Gebiss
Der Schädel ist relativ groß für die Körpergröße, mit einer kurzen Schnauze und extrem großen Nares (Nasenlöchern) — ein diagnostisches Merkmal. Die Maxilla ist einzigartig geformt: niedrig, mit einer kleinen, niedrigen Maxillarfenestra. Auffällig sind die proportional großen Orbitae (Augenhöhlen), typisch für Troodontiden. Fan et al. (2025) quantifizierten in ihrer Troodontiden-Diät-Synthese (Biological Reviews) etwa 24 eng stehende, unserratierte Maxillarzähne — eine Zahl, die sich auf die Maxilla bezieht und nicht die Gesamtzahnzahl (inklusive Prämaxilla und Dentale) darstellt. Die glatten, spitzen Zähne deuten auf weiche Beute hin: Insekten und kleine Wirbeltiere. Ob Mei long wie einige andere Troodontiden omnivor war, ist nicht belegt. Ein bemerkenswertes Detail: Sowohl beim juvenilen Holotyp als auch beim adulten DNHM D2154 sind die Frontalia und Nasalia nicht fusioniert. Dies könnte ein paedomorphes Merkmal sein — das Beibehalten juveniler Schädelmerkmale im Erwachsenenalter.
Extremitäten und Sichelkralle
Die Vorderextremitäten sind kurz, aber funktional, mit raptor-artigen Händen und scharfen Krallen. Die Hinterextremitäten sind lang und schlank, mit einer hypertrophierten Sichelkralle (Ungual) am zweiten Zeh — ein paravianes Merkmal, das Mei mit Dromaeosauriden und Troodontiden teilt. Der Tibiotarsus besitzt eine einzigartig große distale Gelenkfläche, die als diagnostisches Merkmal dient (Gao et al. 2012).
Befiederung — abgeleitet, nicht direkt belegt
Am Holotyp sind keine Federabdrücke erhalten. Die Tuffmatrix der Lujiatun-Schichten konserviert Weichteile generell schlecht. Dennoch wird aufgrund der phylogenetischen Position von Mei innerhalb der Paraves eine vollständige Befiederung als praktisch sicher angenommen. Nahe Verwandte aus derselben Formation — insbesondere Jianianhualong tengi (Xu et al. 2017, Nature Communications 8: 14972), der erste Troodontide mit nachgewiesenen asymmetrischen Federn — stützen diese Annahme.
Biologie & Verhalten
Ontogenie — ein rätselhafter Größenunterschied
Einer der ungewöhnlichsten Aspekte von Mei long betrifft die Größenverhältnisse der beiden bekannten Exemplare. Der Holotyp (IVPP V12733) misst etwa 53 cm und wird als Juvenil eingestuft. Das zweite Exemplar (DNHM D2154) ist mit 32,5–40 cm deutlich kleiner — zeigt aber histologisch eindeutige Zeichen somatischer Reife: vollständige Fusion aller Neurocentralnähte und des Sakrums, dichte kortikale Knochenoberfläche, Fibrollamellarknochen mit einer Line of Arrested Growth (LAG) und avaskulärem Lamellarband an der Peripherie (Gao et al. 2012, PLOS ONE 7(10): e45203). Dieses Muster zeigt verlangsamtes Wachstum bei einem Alter von mindestens 2 Jahren. Dass ein adultes Tier kleiner ist als ein Juvenil derselben Art, ist ungewöhnlich. Mögliche Erklärungen umfassen individuelle Variation, sexuellen Dimorphismus oder Paedomorphie — also das Erreichen der Geschlechtsreife bei einer Körpergröße, die bei anderen Individuen einem juvenilen Stadium entspricht. Keine dieser Hypothesen ist bisher abschließend belegt.
Lebensraum und Taphonomie
Mei long stammt aus den Lujiatun-Schichten der Yixian-Formation in der Provinz Liaoning (Nordostchina). Diese Schichten werden nach aktueller Datierung (Zhong et al. 2021) auf 125,5–125,8 Ma datiert — vollständig Barremium. Ältere Angaben von "128–139 Ma" (Hauterivium bis Valanginium) in der Literatur und populärwissenschaftlichen Quellen sind überholt und basieren auf weniger präzisen Datierungsmethoden. Die Lujiatun-Schichten sind zeitgleich mit den Jianshangou-Schichten, nicht älter. Die Landschaft war eine vulkanisch aktive Seenlandschaft mit Koniferen-dominierten Wäldern. Mei teilte sein Ökosystem mit dem Ceratopsier Psittacosaurus, dem Raubsäugetier Repenomamus und dem Troodontiden Sinovenator. Die dreidimensionale Erhaltung ohne Kompaktion wurde ursprünglich als "Pompeji-Effekt" interpretiert — plötzliche Verschüttung durch ein einzelnes pyroklastisches Ereignis. Neuere taphonomische Analysen (2015–2020) zeigen allerdings ein differenzierteres Bild: Die Lujiatun-Fossilien wurden wahrscheinlich durch mehrere wassergeführte Flut-Ereignisse mit hoher vulkanoklastischer Fracht begraben, nicht durch eine einzelne Eruption. Für die Erhaltung von Mei in Lebenspose bleibt jedoch eine sehr schnelle Verschüttung notwendig.
Ernährung
Die 24 eng stehenden, unserrierten Maxillarzähne (Fan et al. 2025, Biological Reviews) deuten auf eine Ernährung von weicher Beute hin — Insekten, kleine Eidechsen, möglicherweise kleine Säugetiere. Fan et al. schlagen die Yixian-Formation mit ihren zwei koexistierenden basalen Troodontiden (Mei und Sinovenator) als ideales Feld für zukünftige Isotopenanalysen vor, die die Ernährungsökologie direkt klären könnten. Die Frage, ob basale Troodontiden omnivor waren, wird in der Literatur kontrovers diskutiert. Für Mei gibt es keinen direkten Beleg für pflanzliche Nahrung — keine erhaltenen Mageninhalte, keine Gastrolithen.