Therizinosaurus
Therizinosaurus cheloniformis

Kenndaten
| Körperlänge | 9-10 mSchätzung basierend auf fragmentarischem Material und verwandten Gattungen |
| Krallenlänge (mit Keratin) | ~70 cmKnochenkern ~52 cm, mit Keratinscheide bis ~70 cm, maximal ~1 m |
| Gewicht | 5-10 tGroße Spanne aufgrund unvollständigen Fossilmaterials |
| Zeitliche Einordnung | 72-68 Mio. JahreSpätes Campanium bis frühes Maastrichtium, Oberkreide |
Wenige Dinosaurier standen so lange im Schatten eines Missverständnisses wie Therizinosaurus cheloniformis. Als der sowjetische Paläontologe Jewgeni Maleev 1954 die ersten gewaltigen Krallen beschrieb, hielt er sie für Rippen einer Riesenschildkröte – eine Fehldeutung, die dem Art-Epithet „cheloniformis" (schildkrötenförmig) seinen Namen gab. Erst Jahrzehnte und mehrere verwandte Funde später entpuppte sich das Tier als einer der bizarrsten Theropoden überhaupt: ein mehrtonniger Pflanzenfresser mit den längsten Klauen aller bekannten Landtiere.
Anatomie
Therizinosaurus ist anatomisch nur fragmentarisch bekannt – es existieren vor allem Vordergliedmaßen, Hintergliedmaßen und einzelne weitere Elemente. Kein Schädel wurde bisher gefunden. Dennoch erlauben die vorhandenen Fossilien und die besser bekannten Verwandten ein erstaunlich detailliertes Bild.
Die Krallen – Rekordhalter unter den Landtieren
Die Ungual-Phalangen (Krallenknochen) des Therizinosaurus erreichten eine Länge von rund 52 cm. Mit der darüberliegenden Keratinscheide dürften die Krallen etwa 70 cm gemessen haben, wobei Schätzungen bis zu 1 m möglich sind (Barsbold 1976). Damit sind sie die längsten bekannten Krallen eines Landtieres. Über die Funktion dieser Krallen wird intensiv diskutiert. Lautenschlager (2014) modellierte verschiedene Szenarien biomechanisch und kam zu dem Ergebnis, dass die Krallen am besten für ein „Hook-and-Pull"-Verhalten geeignet waren – das Heranziehen von Ästen, um an Blätter zu gelangen. Eine neuere Studie von Qin et al. (2023, Communications Biology 6: 181) analysierte die Krallenmorphologie im Vergleich zu modernen Tieren und fand Hinweise, die auch für eine Display-Funktion oder sexuelle Selektion sprechen. Wahrscheinlich hatten die Krallen mehrere Funktionen, darunter auch die Verteidigung gegen große Raubsaurier wie den zeitgleich lebenden Tarbosaurus.
Körperbau und Fortbewegung
Mit einer geschätzten Länge von 9 bis 10 Metern und einem Gewicht von 5.000 bis 10.000 kg war Therizinosaurus einer der massigsten Theropoden. Die große Gewichtsspanne spiegelt die Unsicherheit wider, die aus dem fragmentarischen Fossilmaterial resultiert. Sein Körperbau war graviportal: breiter Rumpf, säulenartige Hinterbeine und ein funktionell tetradactyler Fuß – vier tragende Zehen statt der üblichen drei bei Theropoden. Diese Anpassung verteilte das Gewicht auf eine größere Fläche. Die Fortbewegung war langsam und schwerfällig. Als zweibeiniger Läufer war Therizinosaurus mit Sicherheit kein schnelles Tier. Zuverlässige Geschwindigkeitsschätzungen fehlen jedoch, da die vorhandenen Fossilien keine vollständige biomechanische Rekonstruktion erlauben.
Befiederung
Direkte Federabdrücke von Therizinosaurus selbst sind nicht bekannt. Allerdings liefert der nahe Verwandte Beipiaosaurus (Xu et al. 1999) starke Hinweise: Bei diesem deutlich kleineren Therizinosauroiden wurden zwei Federtypen nachgewiesen – kürzere Daunenfedern und längere, einzigartige „EBFFs" (Elongated Broad Filamentous Feathers, Xu et al. 2009). Da Therizinosauridae innerhalb der Coelurosauria verschachtelt sind und mehrere Verwandte Befiederung zeigen, gehen die meisten Paläontologen davon aus, dass auch Therizinosaurus zumindest teilweise befiedert war – wenngleich das Ausmaß bei einem so großen Tier fraglich bleibt.
Biologie & Verhalten
Ernährung – vom Räuber zum Pflanzenfresser
Therizinosaurus gehört zu den Theropoda – jener Dinosauriergruppe, die klassisch als Raubtiere bekannt ist. Doch die Therizinosauridae durchliefen einen der bemerkenswertesten Ernährungswechsel der Dinosauriergeschichte: Sie entwickelten sich von fleischfressenden Vorfahren zu spezialisierten Herbivoren. Da kein Schädel von Therizinosaurus selbst bekannt ist, stützen sich die Erkenntnisse auf verwandte Gattungen wie Erlikosaurus, dessen Schädel einen zahnlosen Schnabel vorne und blattförmige Zähne weiter hinten zeigt – ein typisches Merkmal pflanzenfressender Dinosaurier. Die langen Arme und Krallen dienten nach dem Hook-and-Pull-Modell (Lautenschlager 2014) vermutlich dazu, Vegetation heranzuziehen, während der tonnenförmige Rumpf einen großen Verdauungstrakt beherbergte – notwendig für die Fermentation pflanzlicher Nahrung.
Fortpflanzung und Lebenserwartung
Über die Fortpflanzung von Therizinosaurus selbst gibt es keine direkten Fossilien. Von verwandten Therizinosauroiden sind jedoch Nester und Eier bekannt, die auf bodenbrütende Gewohnheiten hinweisen. Zur Lebenserwartung liegen keine gesicherten Daten vor. Schätzungen, die auf Knochenhistologie verwandter Theropoden basieren, deuten auf etwa 30 Jahre oder mehr hin, doch diese Werte sind rein hypothetisch und sollten mit Vorsicht betrachtet werden.
Sozialverhalten
Ob Therizinosaurus in Gruppen oder als Einzelgänger lebte, bleibt unbekannt. Bonebeds (Massenansammlungen von Knochen) sind von Therizinosaurus nicht bekannt. Allerdings liegen von anderen Therizinosauroiden wie Falcarius Fundstellen mit mehreren Individuen vor, was zumindest gelegentliche Gruppenbildung nahelegt. Konkrete Rückschlüsse auf das Sozialverhalten von Therizinosaurus sind daraus jedoch nicht ableitbar.